Di, 12. Dezember 2017

Tod mit 49

21.08.2010 21:23

Christoph Schlingensief erliegt Krebserkrankung

Der Theater- und Filmregisseur Christoph Schlingensief ist tot. Er starb im Alter von 49 Jahren am Samstag in Berlin, wie seine Ehefrau Aino der Nachrichtenagentur dpa bestätigte. Schlingensief gehörte zu den bedeutendsten Regisseuren der Gegenwart und hat wie nur wenige die deutschsprachige Film- und Theaterwelt beeinflusst. Schlingensief war Anfang 2008 an Lungenkrebs erkrankt. Nach einer Operation war es ihm zunächst wieder besser gegangen.

Bis zuletzt hatte Schlingensief noch zahlreiche Kunstprojekte in Planung. So stand im kommenden Oktober eine Inszenierung zur Wiedereröffnung des Berliner Schillertheaters als Ausweichspielstätte von Daniel Barenboims Staatsoper auf seinem Terminkalender. Aufsehen erregte auch Schlingensiefs überraschende Berufung zur künstlerischen Gestaltung des deutschen Pavillons bei der Biennale in Venedig 2011. Der Pressekonferenz zur Vorstellung seiner Pläne blieb er Anfang Juli aber krankheitsbedingt fern. Auch eine Produktion für die Ruhrtriennale ("S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken") musste Schlingensief absagen.

Schlingensief setzte sich in jüngster Zeit vermehrt künstlerisch mit seiner Krebserkrankung auseinander, etwa mit seinen letzten Inszenierungen "Mea Culpa" (sie hatte im März 2009 am Wiener Burgtheater Premiere), "Kirche der Angst" oder "Sterben lernen". Im Frühjahr 2009 veröffentlichte Schlingensief sein "Tagebuch einer Krebserkrankung", das große Beachtung gefunden hatte. Sein Herzensprojekt war in jüngster Zeit die Gründung eines Operndorfes in Burkina Faso.

Spektakuläres "Parsifal"-Debüt
Bekannt wurde Schlingensief vor allem mit seinen frühen Filmen "Das deutsche Kettensägenmassaker" (1990), "Terror 2000 - Intensivstation Deutschland" (1992) und der TV-"Talkshow 2000" sowie mit seinen Theaterinszenierungen, Kunstperformances und Installationen wie "100 Jahre CDU", "Rocky Dutschke, 68", "Passion Impossible - 7 Tage Notruf für Deutschland" (in Hamburg), und "Hamlet" in Zürich. In den 1990er-Jahren war Schlingensief einer der Hausregisseure Frank Castorfs an der Berliner Volksbühne. Von 2004 bis 2007 gab er sein spektakuläres Debüt als Opernregisseur bei den Bayreuther Festspielen mit Richard Wagners "Parsifal". Die Neuinterpretation des Bühnenweihespiels gilt mittlerweile als "Kult-Inszenierung".

In Österreich sorgte er nach der umstrittenen schwarz-blauen Regierungsbildung für Aufsehen, als er im Mai 2000 in Anlehnung an die Fernsehsendung "Big Brother" einen Container mit Asylbewerbern vor der Wiener Staatsoper aufstellen ließ. Jeden Tag mussten dann zwei der "Asylwerber" nach einer Internet- und Telefonabstimmung ausscheiden und wurden "abgeschoben". 1998 organisierte er ein "Anti-Kanzler-Baden" am Wolfgangsee, dem Urlaubsort des deutschen Kanzlers Helmut Kohl. Mit rund sechs Millionen deutschen Arbeitslosen wollte Schlingensief den See zum Überlaufen bringen.

Jelinek: "Einer der größten Künstler, die je gelebt haben"
Österreichische Künstler und Kulturpolitiker reagierten tief betroffen auf die Todesnachricht. "Schlingensief war einer der größten Künstler, die je gelebt haben", betonte Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. "Er war der Künstler schlechthin. Er hat eine neue Gattung geprägt, die sich jeder Einordnung entzogen hat. Es kann keinen wie ihn mehr geben." Schlingensief hatte im Jahr 2003 Jelineks Stück "Bambiland" im Burgtheater uraufgeführt.

Dort wurde die Todesnachricht ebenfalls mit Bestürzung aufgenommen. "Das ganze Burgtheater ist in tiefer Trauer", sagte Sprecherin Konstanze Schäfer. Schlingensief sei "einer der angesehensten Künstler" gewesen, "die am Haus gearbeitet haben", und man habe bis zuletzt noch auf eine Koproduktion mit den Wiener Festspielen im kommenden Jahr gehofft. Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny sprach von einem "Ausnahmekünstler", der "kaum einen Unterschied zwischen Kunst und Leben gekannt" habe: "Weit über den deutschsprachigen Raum hinaus hat er mit seiner Radikalität und Bedingungslosigkeit dem Theater neue Räume und Mittel eröffnet."

Ein "großartiger Wachrüttler"
"Ich bin tief erschüttert, schockiert und traurig", sagte Opernregisseurin Katharina Wagner. "Er war einer der wirklich Großen in unserem Milieu." Der deutsche Theatermacher Frank Baumbauer würdigte Schlingensief als "großartigen Wachrüttler". "Aus seinen Arbeiten sind viele wichtige Impulse entstanden, denn er hat die Dinge benannt, den Finger in die Wunden gelegt - und das mit enormer künstlerischer Verve, mit Charme und Intelligenz", sagte der ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele.

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick würdigte Schlingensief als großen Filmemacher und politischen Künstler. Er sei ein Mensch gewesen, der sich aus einer tiefen moralischen Überzeugung heraus über Ungerechtigkeiten aufgeregt habe, sagte Kosslick am Samstag im rbb-Inforadio. Zutiefst erschüttert äußerte sich auch die Chefin der deutschen Grünen, Claudia Roth. "Dieser verdammte Krebs! Mit Christoph Schlingensief verliert die Bundesrepublik einen der kreativsten, vielseitigsten und radikalsten Künstler", erklärte sie in Berlin. Der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit sagte: "Ein großer Theatermann verlässt die Bühne."

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