Sa, 18. November 2017

Doch kein Mord

18.08.2010 17:00

Frau (55) wegen fahrlässiger Tötung verurteilt

Wegen der fahrlässigen Tötung ihres Ehemanns unter besonders gefährlichen Verhältnissen ist eine 55-jährige Frau am Landesgericht Wiener Neustadt zu 18 Monaten Freiheitsstrafe, davon zwölf bedingt, verurteilt worden. Mit dieser Entscheidung folgten die Geschworenen der Argumentation des Verteidigers – angeklagt war Mord gewesen. Das Opfer war am 5. Februar im gemeinsamen Haus in Ebreichsdorf (Bezirk Baden) von einem Schuss in die Brust getroffen worden.

Da die U-Haft angerechnet werden konnte, wurde die Angeklagte nach der Urteilsverkündung enthaftet. Der Staatsanwalt gab keine Erklärung ab – das von den Geschworenen einstimmig gefällte Urteil ist somit nicht rechtskräftig. Mildernd auf die Strafbemessung – das Delikt ist mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe bedroht – wirkten sich die Unbescholtenheit und der ordentliche Lebenswandel der Frau aus, Erschwerungsgründe sah das Gericht keine.

Staatsanwalt in Schlussplädoyer angriffig
Dabei hatte es für Staatsanwalt Johann Fuchs nach dem Beweisverfahren und den Aussagen der Gutachter keinen Zweifel daran gegeben, dass eine vorsätzliche Tötung vorliege. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass der Mann seine Frau für einen inszenierten Selbstmord missbraucht habe. Das Opfer sei sicher nicht der einfachste Zeitgenosse gewesen, sagte Fuchs und erwähnte dessen lange Arbeitslosigkeit, Depressionen und den übermäßigen Alkoholkonsum. Eine Waffe abzudrücken, passiere jedenfalls nicht zufällig. Gerichtsmediziner Daniele Risser habe zudem erklärt, das Opfer sei mit ziemlicher Sicherheit mit dem Rücken zur Tür gestanden, als der Schuss fiel.

Verteidiger sieht kein Motiv für einen Mord
Dem widersprach Verteidiger Roland Friis: Risser habe von einer möglichen Variante gesprochen. Seine Mandantin habe keineswegs schuldhaft gehandelt, sondern einfach ihrem Mann geglaubt, dass der Revolver nicht geladen war. Das Opfer sei depressiv und schwer krank gewesen, von Suizidgedanken geplagt worden und habe seinen Vater bewundert, der Selbstmord begangen hätte. Der Zustand des Mannes war aber "keineswegs unerträglich" für seine Ehefrau, die ihn seit 38 Jahren gekannt hatte. Sie habe sich bemüht, ihm zu helfen, eine Trennung stand nicht zur Diskussion – sie habe zu ihm gehalten, betonte Friis in seinem Schlussplädoyer.

Vor den Schlussplädoyers waren Gutachter am Wort gewesen, die den Fall durchleuchteten. Der Schießsachverständige Ingo Wieser erklärte dabei, gewisse Probleme mit den Angaben der Angeklagten zu haben. Dass die Angeklagte die Schussabgabe nicht wahrnahm, ist für den Sachverständigen schwer vorstellbar. Am Montag hatte der Verteidiger gesagt, seine Mandantin habe im Schock nach dem Knall an einen Herzinfarkt ihres Mannes gedacht, als dieser in sich zusammensackte. Der Schuss auf den 55-Jährigen war dabei aus 90 Zentimetern Entfernung abgegeben worden. In der Trommel der Smith & Wesson .357 Magnum wurden sechs Patronen sichergestellt, ein Projektil wurde abgefeuert.

Disput um Lebenserwartung von krankem Mann
Gerichtsmediziner Daniele Risser zufolge erlitt das Opfer einen Brustkorbsteckschuss, der Lunge und Herz beschädigte. Der Mann, der hochgradig alkoholisiert war, verblutete innerlich. Festgestellt wurde beim Toten eine Leberzirrhose. Auf die Frage eines Geschworenen, wie hoch denn die Lebenserwartung des 55-Jährigen noch war, meinte Risser: "Haben Sie eine Glaskugel?" Im Video der Tatrekonstruktion vom März schilderte die Angeklagte den Verlauf des Abends am 5. Februar seit ihrer Heimkehr von der Arbeit. Man habe geplaudert, getrunken und sich ein Video mit Aufnahmen der Tochter angeschaut, dann ging sie in die Küche.

Als sie ins Zimmer zurückkam, sei ihr Ehemann auf der Couch gesessen und habe seine Waffe in den Händen gehalten. Er habe zu ihr gesagt, er habe so eine Freude daran, sie lasse sich so leicht abdrücken. "Nimm sie in die Hand, du brauchst keine Angst haben, sie ist nicht geladen", soll der 55-Jährige gesagt haben. Sie habe ihm den Gefallen getan und den Abzug bedient. Warum sie auf ihren Mann zielte und nicht einfach in die Luft? "Weil ich dachte, der Revolver sei nicht geladen." Dann habe er gelächelt - und sie beugte sich zu ihm und fragte, was denn so lustig sei. Sie habe nämlich erst gar nicht registriert, dass sie geschossen hatte.

Plötzlich "ganz weiß" im Gesicht
Dann wurde der 55-Jährige plötzlich "ganz weiß" im Gesicht und sackte zusammen. Sie lief sofort zum Telefon und wählte den Notruf. Als sie zurückkehrte, war ihr Mann noch weiter zusammengesunken und seitlich von der Couch gerutscht. Sie rannte auf die Straße und schrie: "Helft mir, es ist was Furchtbares passiert. Ich glaube, ich habe meinen Mann erschossen." Dass sie dann zu den eintreffenden Polizeibeamten sagte, ihr Mann habe ihr die Waffe mit den Worten "Erschieß' mich, ich bin eh ein Versager" gegeben, wusste die Frau beim gerichtlichen Lokalaugenschein im März nicht mehr.

Die Angeklagte hatte sich bereits am Montag nicht schuldig im Sinn der Anklage bekannt. Beide waren damals alkoholisiert: Beim Opfer wurden 3,7 Promille festgestellt, die Frau hatte etwa 1,5 Promille intus. Aus psychiatrischer Sicht gehe von der Angeklagten in Zukunft keine Gefahr aus, meinte der Sachverständige. Rund 1,5 Promille stelle eine Alkoholisierung dar, aber keinen Vollrausch - "man weiß in diesem Zustand noch, was man tut." Chronischer Alkoholismus liege bei der aktiven, berufstätigen Frau sicher nicht vor. Ihre Schuldgefühle und Trauer seien eine normale Reaktion, eine gewisse Verdrängung sei ebenfalls ein normaler menschlicher Vorgang - ob die 55-Jährige bei ihrer Darstellung der Tat gelogen hat oder nicht, wollte der Sachverständige explizit nicht beurteilen.

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