Do, 14. Dezember 2017

Schlaff verhandelte

10.08.2010 15:15

Israelischer Außenminister holte in Wien "Spion" ab

Erst vor wenigen Wochen gab es in Wien Aufregung um einen russisch-amerikanischen Agententausch. Von Sonntagabend bis Montag hat sich offenbar die israelisch-libysche Variante um einen Häftling in der Bundeshauptstadt abgespielt: Israels Außenminister Avigdor Lieberman war auf Kurzbesuch in Wien, um einen aus libyscher Haft entlassenen Israeli in Empfang zu nehmen. Im Privatjet zurückgeholt haben soll den Spionageverdächtigen der österreichische Milliardär Martin Schlaff.

Der Mann namens Rafael Haddad (im Bild links mit Lieberman auf dem Flughafen Wien) befand sich laut dem israelischen Bericht seit März in Libyen wegen Spionageverdachts in Haft, nachdem er dort das jüdische Erbe fotografisch dokumentieren wollte. Über Geheimdienstkontakte verfügte der Mann nicht. In Israel wurde das Verschwinden des israelischen Bürgers trotzdem geheimgehalten, während man hinter den Kulissen - mit der Unterstützung Schlaffs - über seine Freilassung verhandelte.

Am Sonntagabend habe der österreichische Geschäftsmann Martin Schlaff (re.) dann Haddad in seinem Privatflugzeug von Libyen nach Wien gebracht, so der israelische Rundfunk. Die israelische Botschaft habe Ärzte zum Flughafen gebracht, um Haddad nach seiner Ankunft zu untersuchen. Lieberman soll ebenfalls noch in der Nacht auf Montag in Wien gelandet sein. Die Rückreise erfolgte am Vormittag, hieß es dann am Montag offiziell. Über den Rest wollte Israels Botschafter in Wien, Aviv Aharon Shir-On, keine Angaben machen. Nur so viel: "Martin Schlaff hat in der Angelegenheit geholfen."

Haddad saß seit März in libyschen Gefängnis
Haddad, ein auf der tunesischen Insel Jerba geborener Israeli, der heute in Jerusalem lebt, flog vor fünf Monaten nach Libyen, um dort das jüdische Erbe fotografisch zu dokumentieren. Haddad galt daraufhin in Libyen als "verschollen". Amerikaner, Franzosen und Italiener hätten erfolglos versucht, das Schicksal Haddads zu erkunden, der von der libyschen Polizei unter Spionageverdacht festgenommen worden war. Die israelische Zeitung "Haaretz" berichtet, dass das Verschwinden von Haddad seit März einer "vollständigen Zensur" unterlag.

Haddad ist Mitglied eines Vereins ehemaliger libyscher Juden und wollte auf seiner Reise klären, ob es noch jüdische Besitztümer in dem Gaddafi-Staat gibt. In Libyen gibt es heute keinen einzigen Juden mehr, obgleich es in dem nordafrikanischen Land 2.000 Jahre lang eine wohldokumentierte blühende jüdische Gemeinde gab. Vor etwa einem Jahr starb die letzte in Libyen lebende Jüdin.

Schlaff soll sogar Gazaflotte verlangsamt haben
"Haaretz" berichtet, dass sich der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu zunächst an den italienischen Premier Silvio Berlusconi gewandt habe mit der Bitte, für eine Freilassung Haddads in Libyen zu intervenieren. Nachdem aber auch französische und amerikanische Vermittlungsbemühungen gescheitert seien, habe Lieberman vor etwa zwei Monaten beschlossen, seine persönlichen Kontakte zu Schlaff zu nutzen, um eine Freilassung von Haddad zu erreichen. Schlaff sei ein persönlicher Freund von Saif al-Islam, einem Sohn des libyschen Revolutionsführers, der bekanntermaßen auch mit dem verstorbenen Politiker Jörg Haider Kontakte pflegte.

Zur gleichen Zeit versuchten damals aber Hilfsschiffe aus der Türkei und eines aus Libyen die israelische Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen. Die Causa belastete die Beziehung Libyens mit Israel massiv. Die Fahrt der Schiffe sei dann verzögert worden, da die Verhandlungen Schlaffs noch nicht abgeschlossen waren. Ein angeblicher "Motorschaden" beim libyschen Schiff sei letztendlich auf Schlaffs Konto gegangen, heißt es in israelischen Berichten. Laut der Nachrichtenagentur AP willigten die Israelis ihm Rahmen des von Schlaff ausgehandelten Geschäfts im Juli ein, dass 20 Stück vorfabrizierte Häuser an Bord eines libyschen Schiffes über Al Arish in Ägypten nach Gaza gebracht werden durften.

Heimische Behörden wissen offiziell nichts von Übergabe
Nach Angaben des israelischen Nachrichtendienstes Ynet machte Lieberman gerade in Moldawien Urlaub, als er von Schlaff gebeten wurde, nach Wien zu kommen, um den freigelassenen Haddad in Empfang zu nehmen und nach Israel auszufliegen. Lieberman wurde im Rundfunk zitiert, dass es die höchste Pflicht eines Juden sei, einen Gefangenen auszulösen und zu befreien.

Österreich habe die Einreise von Haddad genehmigt, obgleich er keine Papiere bei sich trug, heißt es in den Berichten weiter. Offiziell hatten Montag früh freilich weder das Außenamt noch das Innenministerium Kenntnis von der Übergabe. 

Milliardär und Netzwerker ohne Berührungsängste
Martin Schlaff (57) gilt als einer der reichsten Österreicher. Basis für sein Vermögen soll sein breites Netzwerk in Politik und Wirtschaft vor allem in Osteuropa und im Nahen Osten sein, um das sich seit Jahren wilde Spekulationen ranken. Das Privatvermögen des Sohnes einer jüdischen Kaufmannsfamilie wird auf ein bis zwei oder sogar drei Milliarden Euro geschätzt. Er selbst bezeichnet sich als "Investor".

Schlaff hat bei seinen Geschäften keinerlei Berührungsängste mit Politikern sämtlicher Couleurs. Mit Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) soll er ebenso enge Beziehungen unterhalten haben wie mit Alfred Gusenbauer (SPÖ), für den er einst eine Wahlsiegesfeier schmiss. Ex-BZÖ-Vizekanzler Hubert Gorbach hievte er in den Aufsichtsrat des Feuerfestkonzerns RHI. Im Oktober 2006 hat Schlaff für Helmut Elsner eine Million Euro Kaution gestellt, nachdem dieser in Frankreich zum ersten Mal verhaftet worden war.

Bedeutende Nahost-Kontakte
Zuvor hatte es Vorwürfe um illegale Spendengelder für den einstigen israelischen Regierungschef Ariel Sharon gegeben, die jahrelang durch die Medien geisterten, letztendlich aber nie bewiesen werden konnten. Hartnäckig hielten sich dabei Gerüchte, Österreichs Regierung - mit Schüssel als Kanzler - habe im "Tausch" für die Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zu Israel zugestimmt, Untersuchungen in Sachen Wahlkampfspenden zu behindern. Bei der Wiederannäherung Wiens an Jerusalem soll auch Schlaff persönlich eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben.

Neben Israel verfügt der österreichische Geschäftsmann auch zu Libyen und zu den Palästinensern über gute Kontakte. Schlaff gilt auch als einer der Initiatoren eines Casinos, das der frühere Palästinenserpräsident Yasser Arafat Ende der 90er in Jericho errichten ließ. In Griechenland arbeitet Schlaff seit langem mit dem größten und profitabelsten Casinoskomplex Europas zusammen. Im Mai 2010 wurde außerdem bekannt, dass Schlaff in Liechtenstein eine Bank-Lizenz für die Sigma Kreditbank erhalten hatte.

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