Do, 14. Dezember 2017

Debatte in den USA

09.08.2010 10:57

Ausmaß der Ölpest im Golf von Mexiko total übertrieben?

In den USA wird derzeit heftig über das wahre Ausmaß der sogenannten größten Umweltkatastrophe in der Geschichte des Landes debattiert. Als der britische Ölkonzern BP am vergangenen Donnerstag die frohe Botschaft verkündete, das Ölleck im Golf von Mexiko sei nach drei Monaten des Sprudelns nunmehr dicht mit Zement versiegelt, blieben die Sensationsmeldungen in den US-Medien aus - denn an dem tatsächlichen Schaden für Umwelt und Wirtschaft scheiden sich die Geister.

Nicht nur bei den Bewohnern der US-Golfküste herrscht Unsicherheit: Ist das Desaster jetzt vorbei? 106 Tage lang war die Ölpest auf allen Kanälen ununterbrochen das Hauptthema - und ein Bericht darüber düsterer als der andere. Selbst US-Präsident Barack Obama sprach von der "schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA". Wer kann eine solche Krise nun guten Gewissens für beendet erklären?

Deshalb werden kurz nach dem "Static Kill", dem ersten richtigen Todesstoß für die Ölquelle, nur langsam Fragen laut, ob nicht vieles, was im Golf passierte, schlicht überzogen dargestellt wurde. Selbst Anderson Cooper vom Nachrichtensender CNN, der von allen Reportern besonders eindringlich und kritisch über das Unglück berichtete, zweifelt: "Wurde das Ausmaß der Ölpest übertrieben - von Politikern, Wissenschaftlern und den Medien, einschließlich mir?"

Nur Meinungen und Hypothesen statt Beweise?
Wie lange nicht mehr finden wieder Experten mit optimistischen Analysen Gehör: "Es gibt überhaupt keine Daten, die zeigen, dass es sich um eine Umweltkatastrophe handelt. Ich habe kein Interesse, BP gut aussehen zu lassen, aber wir sehen keine katastrophalen Effekte", sagt der Meeresforscher Ivor van Heerden dem Magazin "Time". Der große Hype um das Thema beruhe auf Annahmen und Meinungen - nicht auf Beweisen.

Auch die Obama-Regierung beginnt, einen positiven Ton anzuschlagen. In einem Bericht erklärte sie jetzt, drei Viertel der rund 660.000 ausgeströmten Tonnen Öl seien schon verschwunden - entweder von den Einsatzkräften entfernt oder auf natürliche Weise abgebaut. Weit und breit sei kein Ölteppich mehr zu sehen. Umweltschützer und Fachleute reiben sich erstaunt die Augen. Sie liefern fundierte wissenschaftliche Erklärungen, warum diese Angaben nicht stimmen können - Beweise dafür haben aber auch sie nicht.

Bis konkrete wissenschaftliche Untersuchungen über den Untergang der Bohrinsel "Deepwater Horizon" und seine Folgen fertig sind, wird Aussage gegen Aussage stehen. Die Natur werde noch lange mit der Ölverschmutzung zu kämpfen haben, sagt Kristina Johnson vom "Sierra Club", der ältesten Umweltschutzorganisation in den USA. Das habe das Unglück des Tankers "Exxon Valdez" gezeigt, bei dem 1989 deutlich weniger Öl ins Meer lief. "Das ist über 20 Jahre her und die Gemeinden und das Ökosystem in Alaska leiden immer noch darunter."

Experten: Kein Vergleich mit "Exxon Valdez"-Debakel
Dieser Vergleich hinkt, erwidern Experten. Während aus der "Valdez" schweres, dickes Öl geströmt sei, habe die BP-Quelle nur eine sehr leichte Variante ausgespuckt. Eine, die für die Umwelt wesentlich ungefährlicher sei. Außerdem war das Wasser vor der Küste Alaskas richtig kalt, im Golf von Mexiko ist es sehr warm - auch das spreche dafür, dass das Öl diesmal viel schneller von Bakterien zersetzt werden könne. Außerdem: Mutter Natur komme erstaunlich gut mit dem Problem klar, sagt van Heerden. An einigen verölten Stellen im betroffenen Sumpfgebiet wachse schon wieder Gras.

Die größte Frage ist, woran sich das Ausmaß eines solchen Unglücks messen lässt. "Ohne Maßstab kann man gar nichts darüber sagen", sagt Nancy Knowlton, Meeresbiologin bei der Smithsonian-Stiftung. Die Zahl der tot gefundenen Vögel liege im Golf verglichen mit dem "Valdez"-Unglück bei weniger als einem Prozent, rechnete die "Time" aus. Die verölten Delfine ließen sich an einer Hand abzählen. Und in Louisiana seien gerade mal 350 Hektar Marschland verseucht, während der Bundesstaat pro Jahr 15.000 Hektar durch Erosion verliere. Ohne die genauen Auswirkungen für das Ökosystem zu kennen, sei es für eine Bilanz einfach zu früh, konstatiert die Chefin der US-Umweltbehörde, Lisa Jackson. "Es ist noch nicht die Zeit, den Geschichtsbucheintrag über die Ölpest im Golf von Mexiko zu schreiben."

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