So, 19. November 2017

„Schmutzige Steine“

05.08.2010 14:44

Naomi Campbell: „Bekam mehrere Rohdiamanten“

Knapp zwei Stunden hat die Befragung von Topmodel Naomi Campbell vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal gedauert. Campbell war als Zeugin geladen worden, um zu bestätigen, dass Liberias Ex-Präsident Charles Taylor, dem in Den Haag derzeit der Prozess gemacht wird, ihr im Jahr 1997 nach einem Empfang in Südafrika Blutdiamanten geschenkt hat. Dass sie Rohdiamanten bekommen hat, hat die 40-Jährige vor dem Gericht ausgesagt, allerdings könne sie nicht sagen, ob ihr tatsächlich Taylor diese "schmutzig aussehenden Steine" in ihr Zimmer geschickt habe.

Die 40-jährige Britin wurde am Donnerstag dazu befragt, ob ihr Taylor im Jahr 1997 nach einer Feier des damals amtierenden südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela einen mutmaßlichen "Blutdiamanten" geschenkt hat. Als solche werden Edelsteine bezeichnet, mit denen Kriege in Afrika finanziert wurden oder noch werden. Taylor soll während des Bürgerkrieges in Sierra Leone Rebellen mit Waffen versorgt haben, die ihn in Diamanten bezahlt haben sollen. Er hat den Vorwurf stets zurückgewiesen und behauptet, niemals in Besitz von Blutdiamanten gewesen zu sein.

"Es war spät und ich war müde"
Campbell sagte vor Gericht, sie habe damals die Steine in ihrem Zimmer erhalten, nachdem sie sich nach dem Abendessen schon zu Bett gelegt habe. Zwei Männer hätten an ihrer Tür geklopft und ihr ein kleines Säckchen gegeben, sagte die Britin. Sie habe es erst am nächsten Morgen aufgemacht und "sehr kleine, schmutzig aussehende Steine" darin entdeckt. "Es gab keine Erklärung, keine Notiz", sagte Campbell. Warum sie die Steine angenommen und nicht gefragt habe, woher sie stammen, wollte die Staatsanwältin wissen. Campbell: "Es war spät und ich war müde."

Beim Frühstück habe sie dann mit ihrer damaligen Agentin und mit US-Schauspielerin Mia Farrow darüber gesprochen. Eine von beiden habe gesagt, dass es offenbar ein Geschenk von Taylor sei. Sie habe darauf gesagt: "Ich denke, ja." Sie habe die Steine daraufhin noch am selben Tag einem Freund,  übergegeben, der in Afrika für die Wohltätigkeitsorganisation Nelson Mandela Children's Fund arbeitete.

Farrow, die am kommenden Montag in Den Haag aussagen soll, hatte Vorwürfe vorgebracht, Taylor habe Campbell einen Rohdiamanten überreicht. Laut Anklage ist dies der Beweis dafür, dass Taylor sich von den Rebellen mit Diamanten bezahlen ließ.

Freund gab Steine nicht für wohltätige Zwecke weiter
Sie habe die Steine von Taylor einem Freund, Jeremy Ratcliffe, gegeben, der in Afrika für die Wohltätigkeitsorganisation Nelson Mandela Children's Fund arbeitete. Sie habe Ratcliffe erklärt, er solle die Steine für wohltätige Zwecke spenden. Vor einem Jahr habe sie ihn angerufen und gefragt, was aus den Steinen geworden sei. Ratcliffe habe gesagt, dass er sie noch immer habe, so Campbell vor dem Sondertribunal.

Ein Sprecher der Nelson Mandela Children's Fund erklärte nach Campbells Aussage am Donnerstag, die Stiftung habe die Diamanten nie erhalten. Die Organisation habe zudem vergebens versucht, Kontakt zu Ratcliffe aufzunehmen, der derzeit in der Stiftungsverwaltung tätig sei.

"Niemals von Taylor, Liberia oder Blutdiamanten gehört"
Campbell wies zudem Angaben ihrer damaligen Agentin Whites zurück, wonach sie bei der Feier neben Taylor gesessen und mit ihm geflirtet habe. Sie habe zwischen Mandela und dem Musikproduzenten Quincy Jones gesessen, sagte sie. "Ich hatte niemals zuvor von Charles Taylor gehört, niemals vorher vom Land Liberia gehört und niemals den Begriff 'Blutdiamanten' gehört."

Lange Zeit gegen Aussage gewehrt
Die für ihr Temperament berüchtigte Campbell hatte sich lange gegen eine Aussage vor dem Kriegsverbrechertribunal gewehrt und wurde im Juli von den Richtern vorgeladen. Im April hatte sie im US-Fernsehen erklärt, sie habe "niemals einen Diamanten" von Taylor erhalten und wolle über das Thema nicht sprechen. Als die Moderatorin nachbohren wollte, verließ Campbell wutentbrannt das Studio (siehe Infobox). Im Mai sagte sie, sie fürchte um ihre Sicherheit und wolle mit dem Fall Taylor nichts zu tun haben. Die Richter ordneten für ihre Aussage in Den Haag besondere Sicherheitsvorkehrungen an.

Am Mittwoch wies das Gericht einen letzten Einspruch des Ex-Präsidenten gegen die Vernehmung der Britin zurück. Seine Anwälte hatten geltend gemacht, die Ankläger hätten keine Zusammenfassung von Campbells zu erwartender Aussage vorgelegt. Die Richter erklärten, dies könne von der Staatsanwaltschaft nicht verlangt werden.

Taylor bekannte sich in allen Punkten nicht schuldig
Der im Jänner 2008 angelaufene Prozess gegen Taylor ist ein Präzedenzfall - nie zuvor ist ein Staatsoberhaupt eines afrikanischen Landes vor ein internationales Gericht gestellt worden. Taylor hat sich in allen elf Anklagepunkten - darunter Mord, Vergewaltigung und die Rekrutierung von Kindersoldaten - für nicht schuldig erklärt. Auch nicht zum Handel mit Blutdiamanten, mit dem er mehrere Milliarden Dollar verdient haben soll. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone dauerte von 1991 bis 2002 und kostete bis zu 500.000 Menschen das Leben. Während der Bürgerkriege in Sierra Leone und Liberia, die seit den 1990er-Jahren kaum zu Ruhe kommen, war Taylor treibender Kriegsherr gewesen.

Blutdiamanten werden in Afrika zur Finanzierung bewaffneter Konflikte illegal geschürft, verkauft und geschmuggelt. Die Steine werden oft mit Hilfe von Sklaven- oder Kinderarbeit gewonnen und finanzieren den Ankauf von Waffen und die Versorgung der Rebellentruppen.

Handel mit Blutdiamanten geht immer weiter
Der Handel geht einer Expertin der Hilfsorganisation Medico zufolge trotz der Bemühungen in der Edelsteinbranche um dessen Eindämmung weiter. Er sei mit dem Kimberley-Abkommen, das über staatliche Herkunftszertifikate den Handel mit solchen Edelsteinen unterbinden soll, nicht komplett unterbunden worden, sagte Anne Jung, Politikwissenschaftlerin bei Medico, am Donnerstag dem Sender Deutschlandradio Kultur.

Zwar seien die Kriege in Liberia und Sierra Leona inzwischen beendet, sagte Jung. In anderen afrikanischen Ländern wie Simbabwe würden aber gerade neue Konflikte beginnen. "Und leider war es so, dass auch in Sierra Leone das Ende des Krieges nicht die Konfliktdiamanten in Friedensdiamanten umgewandelt hat", erklärte die Medico-Expertin. "Ganz im Gegenteil: Die Arbeitsbedingungen in den Minen (...) sind sklavenähnlich, die sozialen Zerrüttungen sind sehr massiv und die Diamantenregion ist die ärmste Region in ganz Sierra Leone."

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