Mi, 13. Dezember 2017

Bregenzer Festspiele

01.08.2010 12:56

Weinbergs "Das Portait" erstmals im Westen aufgeführt

Die 65. Bregenzer Festspiele entwickeln sich zusehends zum Festival für Mieczyslaw Weinberg. Im Sog der international beachteten Uraufführung der Auschwitz-Oper "Die Passagierin" im Festspielhaus stand am Samstagabend das Theater am Kornmarkt im Fokus: Anlass war die Erstaufführung der satirischen Weinberg-Oper "Das Portrait" als Produktion der Bregenzer Festspiele in Kooperation mit dem Pfalztheater Kaiserslautern.

Weinberg hat "Das Portrait" nach Ablehnung der "Passagierin" durch die sowjetischen Stellen als Oper in drei Akten (op. 128) auf Basis der gleichnamigen Novelle von Nikolai Gogol 1980 komponiert. Das Spätwerk wurde 1983 in Brünn uraufgeführt, verschwand dann jedoch in der Versenkung und erlebte nun seine Wiederauferstehung als westliche und österreichische Erstaufführung. "Suche Karte", signalisierten Interessierte, das kleine Kornmarkttheater war längst ausverkauft. "Wir hätten die Vorstellung einige Male verkaufen können", freute sich Pressesprecher Axel Renner über das enorme Interesse an Weinberg.

"Das Portrait" handelt vom begabten, aber zunächst erfolglosen Maler Tschartkow, der seiner künstlerischen Berufung treu bleiben möchte. Mit Hilfe eines ominösen Porträts wird er bald zum gefeierten Künstler, dessen schmeichelhafte Porträts ihn zum Star der St. Petersburger Gesellschaft aufsteigen lassen. Zuletzt dämmert ihm, dass er für Geld und Ruhm seine künstlerische Identität verkauft und verraten hat. Er verflucht das dämonische Porträt und stirbt.

2,5 Stunden hervorragendes Musiktheater
Unter der musikalischen Leitung des Bulgaren Rossen Gergov am Pult des Symphonieorchesters Vorarlberg bot "Das Portrait" zweieinhalb Stunden hervorragendes Musiktheater. Die Regie des Briten John Fulljames, Bühne und Kostüme (Dick Bird), die Lichtregie (Bruno Poet) und nicht zuletzt magische Videoprojektionen (Finn Ross) tauchten die Oper in eine bis ins Absurde gesteigerte, symbolträchtige Spiegelung eitler Gesellschaft und des Innenlebens der Akteure.

Die Premierengäste spendeten Beifall für alle Mitwirkenden und bedachten den Hauptprotagonisten (Tenor Peter Hoare) mit Extra-Jubel. Aus dem Ensemble stachen vokal auch Tschartkows Diener Nikita (Bariton David Stout) sowie Bariton Claudio Otelli in verschiedenen Rollen hervor.

Die Dimensionen des Theaters am Kornmarkt wurden von der musikalischen und vokalen Intensität zeitweise beinahe gesprengt. In der Maske als satirisch-makabre Persiflage auf gesellschaftliche Eitelkeiten und finanziell erfolgreiche Society-Künstler behandelt "Das Portrait" Fragen nach finanzieller Verführbarkeit, nach künstlerischer und menschlicher Wahrhaftigkeit. Dafür steht Weinberg ein überraschend buntes Kaleidoskop stilistischer Mittel zur Verfügung - allerdings völlig andere als in der tragischen Auschwitz-Oper "Die Passagierin". Musikalisch war der polnisch-russische Komponist Weinberg kein Revolutionär, aber sicher ein ausgezeichneter Komponist des 20. Jahrhunderts, dessen Oeuvre bisher unverdientermaßen vergessen oder gar unentdeckt war.

von Werner Kaplaner (APA)

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