Do, 19. Oktober 2017

Lästige Warterei

06.07.2010 11:01

Schlangestehen in der Ukraine als neuer Beruf

Schlangestehen gehört für Ukrainer bereits seit Sowjetzeiten zum Alltag: Vor allem vor Ämtern und Krankenhäusern stehen sich tagtäglich Hunderte Menschen die Beine in den Bauch. Ein junger, cleverer Geschäftsmann macht nun aus der unliebsamen Warterei Geld - er vermietet professionelle Schlangesteher.

Igor steht wie jeden Morgen in einer Warteschlange auf dem Gehsteig vor der ungarischen Botschaft in Kiew. Das Thermometer hat bereits am Vormittag die 30-Grad-Marke erreicht, die Sonne scheint, es ist schwül. Doch Igor wartet weiter stoisch darauf, dass er irgendwann an der Reihe ist. Das ist schließlich sein Job - der 34-Jährige ist professioneller Schlangesteher.

Denn auch fast 20 Jahre nach Zerfall des kommunistischen Machtapparats sind stundenlange Wartezeiten bei Behörden, Universitäten und Krankenhäusern der Normalfall. Andrej Matiaschewitsch macht diesen Missstand zu Geld. "Seit rund zwei Monaten vermiete ich Schlangesteher", erzählt der 25-Jährige in seinem kleinen Büro im Kiewer Szeneviertel Podil.

15 Formulare für Auto-Anmeldung
Die Geschäftsidee hatte Matiaschewitsch, nachdem er selbst mehrfach halbe Tage in den Gängen verschiedener Behörden warten musste. In der Ukraine gibt es kein Amt mit individuellen Sprechzeiten. Der Bürokratie-Dschungel ist auch für hartgesottene Ukrainer ein Alptraum. "Wer in Kiew sein Auto anmelden will, benötigt dafür nahezu 15 unterschiedliche Papiere, alle von verschiedenen Stellen abgestempelt", berichtet Matiaschewitsch.

Die Idee ist einfach: Für einen Stundenlohn von 39 Griwna, umgerechnet knapp vier Euro, können Kunden bei ihm Mitarbeiter buchen, die an ihrer Stelle in der Warteschlange stehen. Kurz bevor der Profi-Warter an der Reihe ist, ruft er den Auftraggeber an, damit der kommt und seine Angelegenheiten erledigen kann.

Tag für Tag vor Botschaften
Gelegenheitsarbeiter Igor stellt sich seit einigen Wochen Tag für Tag vor die ungarische und polnische Botschaft. Dort wollen seine Kunden Visumanträge oder Arbeitspapiere einreichen. "Wenn es nicht regnet, macht mir die Warterei nichts aus", sagt der drahtige Mann. "Ich habe mein Handy dabei, mit Spielen vertreibe ich mir die Zeit."

"Ich habe meine Arbeit in einem Bistro vor fast zwei Jahren verloren und hangele mich von Job zu Job", erzählt Igor. Der Lohn sei für ukrainische Verhältnisse nicht schlecht. In der stark von der Weltwirtschaftskrise betroffenen und nahezu bankrotten Ex-Sowjetrepublik haben in den vergangenen Jahren Millionen Menschen ihre Festanstellungen verloren. Eine Arbeitslosenversicherung gibt es nicht, auch andere soziale Hilfen sind unbekannt.

"Männer sind offenbar geduldiger"
Weitere zehn Profi-Schlange-Steher arbeiten für Matiaschewitschs Firma "Sofort-Service". Sich auf Gehsteigen oder in dunklen überhitzten Amtsfluren die Beine in den Bauch zu stehen, ist aber nicht jedermanns Sache. "Derzeit beschäftige ich nur Männer, offenbar sind die geduldiger und härter im Nehmen", sagt der Jungunternehmer.

Symbolbild

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