Do, 23. November 2017

2009 Kind verloren

10.06.2010 14:16

Private Tragödie führte zu Baby-Kidnapping

Die in Bayern festgenommene 32-jährige Frau aus dem Bezirk Kitzbühel hat die Entführung der drei Monate alten Nora aus einem Salzburger Einkaufszentrum im Wesentlichen gestanden. Die Tirolerin habe im Vorjahr ein Kind bei der Geburt verloren und wollte unbedingt ein Baby haben, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft Traunstein, Volker Ziegler. Die Frau wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Sie soll bereits am Tag vor der Entführung einer Frau mit Baby nachgestellt haben.

Bei einer ersten kurzen Untersuchung hat ein Psychiater einen "übersteigenden Kinderwunsch und eine Störung des Sozialverhaltens" festgestellt, zitierte der bayerische Staatsanwalt aus dem Befund. Zur genauen Abklärung wurde sie daher in die Klinik eingewiesen. Dort soll außerdem geklärt werden, ob die Verdächtige schuldfähig war. Bei der ersten Vernehmung vor dem Ermittlungsrichter hat die 32-Jährige die Kindesentziehung zugegeben. Sie sprach von ihrem Wunsch nach einem Kind, der ihr bisher unerfüllt geblieben war. Eine Geburt vor vier Wochen, von der sie im Gespräch mit der Mutter der kleinen Nora kurz vor der Entführung erzählt hatte, ist der Staatsanwaltschaft aber nichts bekannt.

Ähnlicher Versuch bereits am Dienstag
Einen Tag vor der Kindesentführung ist die mutmaßliche Täterin einer Frau mit einem vier Monate alten Baby im Salzburger Europark "eineinhalb Stunden lang permanent nachgegangen", bestätigte am Donnerstagnachmittag Josef Holzberger vom LKA Salzburg. Der Vorfall vom Dienstag habe sich im Prinzip nach dem selben Schema abgespielt. Die verfolgte Mutter habe ihr Kind nicht aus den Augen gelassen und auch in die Umkleidekabine mitgenommen. Schließlich habe die Frau von ihrem offensichtlichen Vorhaben abgelassen.

Die verdächtige 32-jährige Tirolerin soll auch dieselbe Kleidung wie bei der Entführung am Mittwoch getragen haben. Am Dienstag um zirka 13 Uhr habe sie die Kundin im H&M angesprochen und wie die Mutter von Nora in ein Gespräch verwickelt. Während die Verdächtige Kinderschlafsäcke ansah, habe sie erzählt, sie hätte zu Hause ihre Zwillinge ebenfalls in einem Schlafsack liegen. Das erzählte die Zeugin am Mittwochnachmittag der Polizei, nachdem über den Entführungsfall in den Medien berichtet worden war.

Die Tirolerin, die auch am Dienstag eine schwarze Maxi-Cosi-Trageschale in der Hand hielt, sei immer wieder neben der Mutter mit dem Kind gestanden und hätte öfters am Handy telefoniert. "Dabei erkundigte sie sich, wie es ihren Kindern zu Hause geht. Es dürfte sich um Scheingespräche gehandelt haben, um die Frau abzulenken", schilderte Holzberger die Angaben der verfolgten Mutter. Als dieser später durch den Kopf ging, dass sie selbst nur knapp dem gleichen Schicksal entgangen ist wie Noras Mutter, "war sie sehr schockiert. Sie möchte jetzt mit der Mutter von Nora in Kontakt treten und mit ihr über dieses Thema reden, um dieses Erlebnis bewältigen zu können", sagte der Polizeioberst. Nun werde auch im familiären Umfeld und im Bekanntenkreis der Verdächtigen ermittelt, um den Hintergrund der Tat näher zu beleuchten.

Verfahren in Bayern oder Salzburg?
Ob das Verfahren gegen die Tirolerin in Bayern bleibt oder nach Salzburg abgetreten wird, konnte der bayerische Staatsanwalt Ziegler noch nicht sagen. Die Tat sei jedenfalls in beiden Ländern begangen worden, nun hänge es im Prinzip von Salzburg ab, ob man um eine Auslieferung ansuche.

"Die Zuständigkeit wird noch geprüft", so Marcus Neher, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Salzburg. "Meiner Einschätzung nach ist eine deutsche Gerichtsbarkeit gegeben, weil es sich um ein Dauerdelikt handelt, und die Entziehung auch in Bayern erfolgt ist." Sollten sich die deutschen Behörden allerdings nicht zuständig fühlen, werde man die Auslieferung der mutmaßlichen Täterin beantragen.

Die Staatsanwaltschaft Salzburg ermittelt jedenfalls in Richtung Kindesentziehung und nicht Entführung. "Dem Tatbild entspricht eine Entziehung. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte, dass die Tatverdächtige Lösegeld fordern oder das Kind etwa missbrauchen wollte. Das Kind wurde der Obhut der Eltern entzogen", so Neher.

Familie dankt der Polizei
Der Vater des entführten Babys, Mike Zwilling (im Bild mit seiner Frau Nina und der kleinen Tochter Nora), bedankte sich indes bei den Polizisten für ihren großartigen Einsatz. "Es geht uns sehr gut. Wir wollen diesen Tag aber in Ruhe mit den Kindern genießen", sagte der Sohn des Skiweltmeisters 1974, David Zwilling, am Donnerstagvormittag in einem ersten öffentlichen Statement. Eigentlich wollte die Familie den "Tag danach" abseits des Medienrummels verbringen. Doch bis zum späten Vormittag seien bereits 60 bis 70 Anfragen eingelangt. Nora sei wie die ganze Familie "gesund und munter, alles ist in Ordnung".

"Ich habe gebetet und nicht verurteilt!", sagte Großvater David Zwilling, Sportlegende und Skiweltmeister von 1974, im Gespräch mit der "Krone". Das vollständige Interview - siehe Infobox.

Baby vor Umkleidekabine entführt
Die kleine Nora war am Mittwochvormittag aus dem Salzburger Einkaufszentrum Europark entführt worden, während die Mutter gerade in einer Umkleidekabine Kleidung anprobierte. Das Gebäude wurde zwar nach dem Alarm abgeriegelt, die mutmaßliche Täterin war aber mit dem Baby bereits entkommen.

Die Tirolerin fuhr nach der Entführung zunächst in ihre Heimat. Sie besuchte dort eine Freundin und stellte ihr das Baby als eigenes Kind vor. Danach dürfte sie von Bekannten erfahren haben, dass mit Fotos aus der Überwachungskamera nach ihr gefahndet wird, und sie machte sich wieder auf den Weg nach Bayern. Neben dem Parkplatz eines Supermarktes setzte die Frau die kleine Nora dann in ihrem Maxi Cosi ab, wenige Minuten später wurde sie ganz in der Nähe von der Polizei angehalten und festgenommen. Das Baby wurde noch am Nachmittag den überglücklichen Eltern übergeben.

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