Do, 23. November 2017

Punk spielt nun Folk

16.03.2010 15:51

„No Use for a Name“-Sänger Tony Sly auf Solopfaden

"Das hätte ich schon vor ungefähr sieben Jahren tun sollen!" So kommentiert Tony Sly, hauptberuflich Frontman der US-Punkrocker No Use for a Name, seine erste Soloplatte im Langspielformat "12 Song Program". Offensichtlich ist ihm das ständige Rumgepunke langweilig geworden, weshalb Herr Sly auf der aktuellen Scheibe seine leise Seite zeigt. Es muss offenbar nicht immer Punkrock sein.

Auf "12 Song Program" nimmt der Kalifornier den Hörer stattdessen mit auf eine sehr persönliche Reise in das Land der Singer und Songwriter sowie des Folk. Die zwölf Songs sind dabei äußerst reduziert arrangiert: Slys Stimme und seine Gitarre, mehr braucht es meist nicht, um in die verträumten Nummern abzutauchen. Nicht nur in diesem Punkt unterscheiden sich die Lieder von den Stücken seiner Hauptband, auch sonst geht es melancholischer zu als in den Fun-Punk-Nummern von No Use for a Name.

Wenn Fans der Band nun sagen: "Schade!", so tun sie dem Sänger damit aber unrecht. Denn die zwölf Lieder können für sich bestehen und folgen im besten Sinne klassischer Folk-Tradition: Sly vertont darin Geschichten. Oft handeln die von schwierigen Momenten in seinem Privatleben, dann wieder von gesellschaftlichen Missständen. Dabei erinnert Sly manchmal an Bob Dylan, dann wieder an die irischen Großmeister des Folk-Punk The Pogues.

Dass er sich dabei zwar hauptsächlich auf sein eigenes musikalisches Talent verlässt, bedeutet aber nicht, dass es gar keine anderen Instrumente auf die Platte geschafft haben. Genau diese musikalischen Farbtupfer geben den Songs dann noch das nötige Etwas mit auf den Weg. Hier findet sich ein stimmungsvoll eingesetztes Akkordeon, dort eine Flöte und – wie könnte es bei einem Akustik-Projekt anders sein – auch Streicher sowie ein Klavier haben es auf das Album geschafft.

Stimmlich unterstützen Sly Karina Denike, ehemalige Sängerin der Dancehall Crashers und bereits auf NoFX- und Me-First-and-The-Gimme-Gimmes-Alben zu hören, sowie Joey Cape, seines Zeichens Frontman der punkigen Labelkollegen Lagwagon, der übrigens ebenfalls gerade auf folklastigen Solopfaden wandelt. Das sind dann auch die Momente, in denen "12 Song Program" am stärksten ist. Wunderbarer zweistimmiger Gesang, dazu die akustische Gitarre und der von Natur aus melancholische Klang des Akkordeons – so lassen sich Geschichten erzählen, die das Leben schreibt.

"12 Song Program" ist ein wunderbar verträumtes Album. Mal traurig, dann wieder augenzwinkernd führt der ansonsten so laute Frontman den Hörer durch seine erste Solo-Platte. Dabei hat er zwar weder das Rad noch den Folk neu erfunden, trotzdem hilft diese Scheibe dabei, den nächsten Liebeskummer und die herannahende Frühlingsdepression zu überstehen. Tony Sly, reduziert und pur – das ist "12 Song Program".

8 von 10 weichen Punker-Herzen

von Stefan Taferner
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