Sa, 18. November 2017

Kein Einzelfall

06.03.2010 10:41

Steigender Druck - jeder zweite Ortschef überlastet

Nach dem Selbstmord vom Ansfeldens Bürgermeister Walter Ernhard am Mittwoch haben sich auch andere Stadtchefs zu Wort gemeldet. Jeder fünfte fühlt sich "sehr schwer belastet", jeder zweite stark. Weil Bürgermeister schon mit Gift, Galle, Säure, Strafanzeigen und Morddrohungen mit Henkersknoten traktiert worden sind, könnte auch Ernhard seine Tote-Mäuse-Post letztlich tödlich ernst genommen haben.

Am Freitag ist der Inhalt der Abschiedsbriefe des verstorbenen Ansfeldner Bürgermeisters bekannt gegeben worden. Ernhard hat in den drei Schreiben an die Ehefrau, den Sohn und den Amtsleiter familiäre, finanzielle und politische Motive für seinen Selbstmord genannt.

Das Oberhaupt der 15.500-Seelen-Stadt war bereits mit Burn-out-Symptomen und einem psychisch bedingten Gehörsturz im Krankenstand, als ihn der Schmähbrief mit den Kadavern völlig niederschmetterte.

Serie von Dramen
Die Pralinenschachtel erinnerte Ernhard sofort an das "Mon Cherie", mit dem vor zwei Jahren sein Amtskollege Hannes Hirtzberger (55) in Spitz an der Donau ins Wachkoma geschickt worden war.

Dieser Gift-Anschlag ist ebenso auf einen Umwidmungsstreit zurückzuführen wie einen Monat später das Säure-Attentat auf den Alt-Bürgermeister und SPÖ-Landtagsabgeordneten Rudolf Prinz (61) in Weißkirchen an der Traun.

In Unterach am Attersee litt der Ortschef im Vorjahr unter einer Strafanzeige mit Schmerzensgeldklage, weil ein Wanderer ein Brückengeländer durchbrochen hatte. Schon zehn Jahre ist es her, dass der zurückgetretene Bürgermeister (51) von Puchenau bei Linz Selbstmord verübt hat.

"Die psychische Belastung, die aus diesem Amt entsteht und von Jahr zu Jahr zunimmt", beklagt jetzt Gemeindebund-Präsident Helmut Mödlhammer den steigenden Druck.

Ernhard unter Druck

Die Roten hatten im Herbst die absolute Mehrheit verloren und wurden von den Schwarzen, Blauen und Grünen wegen budgetärer Probleme, aufgeblähter Verwaltung und überzogener Repräsentationskosten kritisiert: Ernhard sollte auf 110.000 seiner 135.000 Euro Verfügungsmittel verzichten.

Seit zwei Wochen prüft die Gemeindeaufsicht die Gebarung von Ansfelden, wo nächstes Jahr die Landesgartenschau stattfinden soll, die nächste Woche mit dem Bürgermeister im Krankenstand besprochen werden sollte: "Ich weiß noch nicht, ob ich zu der Sitzung komme", sagte Ernhard, ehe er sich kurz darauf in seiner Gartenhütte erhängte.

Politische Turbulenzen
Ernhards Parteikollege Hermann Krist hat mittlerweile ÖVP-Fraktionsobmann Helmut Atzlinger und ÖVP-Vizebürgermeisterin Andrea Hettich zum Rücktritt aufgefordert. Diese hätten mit öffentlichen Plakataktionen und persönlichen Angriffen "das Maß des Erträglichen deutlich überschritten", kritisierte er am Donnerstag. Auf Plakaten war der Bürgermeister für die finanziell angespannte Situation der Stadt verantwortlich gemacht worden.

Die Kritik seitens der ÖVP habe nichts mit dem Menschen Ernhard zu tun gehabt, sondern mit seiner Politik, rechtfertigte sich Atzlinger. Dass es zu einem Selbstmord komme, habe niemand erwarten können, zeigte sich der Fraktionsobmann erschüttert. "Wir haben uns menschlich gut verstanden, aber politischen flogen die Fetzen."

Atzlinger verwies darauf, dass die Gemeindeprüfer derzeit die Finanzen von Ansfelden untersuchen würden. Wann mit einem Ergebnis zu rechnen sei, konnte er nicht sagen. Es gebe noch sehr viel aufzuklären.

Ortschef-Wahl
Auch muss in Ansfelden ein neues Stadtoberhaupt gewählt werden. Das dürfte frühestens in drei Monaten erfolgen, erklärte Josef Gruber vom Büro des zuständigen Landesrates Viktor Sigl.

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