Mi, 17. Jänner 2018

An der Nadel

22.02.2010 14:36

Sticken und weben - die neuen Hobbys britischer Häftlinge

Sticken, weben und nähen ist in britischen Gefängnissen derzeit der letzte Schrei, sogar bei ganz harten Jungs. Seit zwölf Jahren bietet eine Privatinitiative Handarbeitskurse in Gefängnissen an - und das mit großem Erfolg. Die Handarbeiten werden verkauft, der Gewinn geht an die Inhaftierten selbst. Und nun wird eine Arbeit der Handarbeitsfreunde ab März sogar im Victoria-und-Albert-Museum in London ausgestellt.

Da wird schon mal ein rosa Herz auf einen Sofapolster gestickt, ein Tagesdeckchen mit einem Kätzchen verziert oder „Love“ auf einem Bettbezug verewigt. Britische Häftlinge sind auf den Geschmack des Handarbeitens gekommen, um sich abzulenken und der lähmenden Langeweile zu entfliehen.

Seit zwölf Jahren bietet „FineCellwork“ („Kunsthandwerk im Gefängnis“) Stickkurse im Gefängnis an. Richard stickt seit einem Jahr. „Ich habe mir gesagt: Das gibt dir was zu tun.“ Mit Wollknäuel und Nadeln bewaffnet kehrte Richard nach einem Stickkurs in seine Zelle zurück, seitdem ist das Sticken seine große Leidenschaft. Zwei bis drei Stunden nachts und drei bis vier Stunden tagsüber stickt Richard seither. Mit seiner Begeisterung für das außergewöhnliche Hobby ist der Gefangene nicht alleine. "Es gibt uns ein Ziel. Und macht uns stolz", sagt Richard.

Auch „schwere“ Jungs sticken
Quer durch die Gefängniszellen haben sich viele Häftlinge den Handarbeitern angeschlossen. Auch einige „schwere Jungs“ sind mittlerweile auf die etwas andere Nadel gekommen. "Sie sehen grob aus, aber können sehr fein nähen", erzählt Richard. Für die Häftlinge ist es eine willkommene Möglichkeit, dem frustrierenden Alltag zu entfliehen. Als er das erste Mal eine ganze Nacht gestickt hatte, berichtet ein Lebenslänglicher in einem Brief an FineCellwork, hatte er eine ganze Nacht keine Selbstmordgedanken.

Seit die Handarbeitsfreunde nun gehört haben, dass eine ihrer Arbeiten ab März im ehrwürdigen Victoria-und-Albert-Museum in London ausgestellt wird, sind sie besonders stolz. "Da sagten wir nur noch wow", so Richard.

Die Idee für das außergewöhnliche Programm stammt von einer nähbegeisterten Ehrenamtlichen, die regelmäßig im Gefängnis zu Besuch war. Seit dem Beginn vor 12 Jahren haben 2.000 bis 3.000 Häftlinge teilgenommen, berichtet die Leiterin Kathy Emck. Sie erinnert sich noch sehr gut an ihre erste Begegnung mit den Häftlingen. "Ich war ganz schön nervös. Vor mir standen dreißig Männer und ich fragte: Wollen Sie Teppiche weben? Alle Hände gingen nach oben."

Sticken statt prügeln
Finanziert wird die Initiative durch Spenden. Mittlerweile geben rund 200 Ehrenamtliche Kurse in 26 Gefängnissen. Rund 300 Häftlinge nehmen daran Teil – 80 Prozent Männer, 20 Prozent Frauen. Ihre Arbeiten werden verkauft, der Erlös geht vollständig an sie selbst. Das sind, laut Emck, ein paar Pfund pro Woche. "Ich hätte es umsonst gemacht, weil es mir das Gefühl gibt, etwas Positives zu tun", sagt ein Häftling, der Polster aus dem 12. Jahrhundert für Dover Castle nachgestickt hat.

Emck weiß, dass nicht der finanzielle Anreiz für die Häftlinge ausschlaggebend ist.  "Es hilft ihnen, sich wie Künstler zu fühlen und nicht mehr wie Kriminelle", sagt die Leiterin. "Wer für FineCellwork stickt, prügelt sich nicht mehr."

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