Sa, 18. November 2017

Grunge-Urväter

01.12.2009 13:56

Alice in Chains im Interview und live im Gasometer

14 Jahre, den Tod des Sängers und mehrere Soloalben von Gitarrist Jerry Cantrell sollte es brauchen, bis Alice in Chains mit neuem Album im Gepäck wieder Österreich beehrten. Am Sonntag war es dann so weit und die 90er-Jahre-Kultrocker gastierten in Wien. Grund genug, mit den Helden der Grunge-Ära noch vor dem umjubelten Konzert über ihre neue Platte, illegale Downloads und das Leben auf Tour zu plaudern. Ein Teaser-Video zum Song "Your Decision" findest du oben!

Sonntag, 29. November 2009. Kurz nach 20.30 Uhr betreten Alice in Chains unter frenetischem Jubel die Bühne des ausverkauften Gasometers. Mit "Rain When I Die" steigen Gitarrist Jerry Cantrell, Mike Inez am Bass, Schlagzeuger Sean Kinney und der "neue" Sänger William DuVall mit voller Wucht in ein vor Klassikern nur so strotzendes Set ein. Und da ist sie schon: die erste Gänsehaut des Abends, die noch während des ersten Refrains über den Rücken kriecht.

Rückblick: Drei Stunden früher nehmen ein sichtlich gut gelaunter Jerry Cantrell und Sean Kinney auf einer knallroten Couch im Backstage-Bereich der noch vor sich hinschlummernden Konzerthalle Platz. Müde sehen die beiden aus, und zumindest Kinney merkt man an, dass er sich lieber noch entspannen würde, als hier Rede und Antwort zu stehen. Doch nach anfänglichem Unmut zeigten sich schlussendlich zwei zum Scherzen aufgelegte Musiker, die zufrieden mit dem Erfolg ihres "Comebacks" sind.

Der coole Stress
krone.at:
Ihr seht müde aus. Stresst euch das Tourleben?
Jerry Cantrell: Das alles stresst mich derzeit.
Sean Kinney: Du stresst mich gerade, du solltest dich etwas mäßigen!

krone.at: Äh, sorry …
Cantrell: (erklärend) Wir sind alle schon die ganze Tour lang krank. Mike hat das aus den USA importiert und es dann an jeden weitergereicht.
Kinney: Ja, unser Manager ist zum Start der Tour nach London gekommen, hat es mitgebracht und es dann weitergegeben. Also waren wir seither alle ziemlich krank.

krone.at: Eine Absage der Shows stand aber nie zur Debatte?
Cantrell: Das kommt nur in Frage, wenn du wirklich im Krankenhaus bleiben musst. Das ist aber Teil des Deals und du musst da mitspielen. Oh Mann, wir haben das getan und werden es auch weiterhin tun. Es kann also schon manchmal schwierig sein.

krone.at: Abgesehen von diesen widrigen Umständen: Macht das Touren noch Spaß?
Cantrell: Natürlich! Wir wären nicht hier, wenn es nicht so wäre!

krone.at: Touren ist also nicht nur ein notwendiges Übel?
Kinney: Das wirklich gute daran, Musiker zu sein, ist das Touren. Das Übel sind die Interviews (lacht)! Nein, nein… das Einzige, das ich nie wirklich mochte waren Foto-Shootings und Videodrehs.
Cantrell: Aber Musik vor Leuten zu spielen, die sie mögen, ist einfach cool. Und ich denke, dass dich genau die Fans durch Phasen retten, in denen es dir schlecht geht oder du krank bist.
Kinney: Eigentlich wartet man auf Tour 22 Stunden lange nur darauf,  zwei Stunden spielen zu können. Genau das ist der coole Teil.

krone.at: Also heißt es auf Tour auch viel zu warten?
Cantrell: Natürlich.
Kinney: Viel davon: "Beeil dich – warte! Komm hier her – warte!"
Cantrell: Ich glaube David Lee Roth hat einmal gesagt, dass Musiker professionelle "Wartende" sind. Genau so ist es: Du wartest auf den Bus, wartest auf den Soundcheck, wartest aufs Weitermachen, wartest darauf … professionelle Wartende eben.

krone.at: Wie war eigentlich die Reaktion des Publikums auf eure neuen Songs während der Tour?
Cantrell: Oh, es war großartig. Die Reaktionen waren wirklich cool!
Kinney: Das neue Zeug fügt sich eben auch ziemlich nahtlos neben das alte Material.
Cantrell: Es ist ziemlich cool zu sehen, wie alle die Texte mitsingen. Wir leben nun ja schon eine ganze Weile mit den neuen Songs, sie wurden aber gerade erst vor ein paar Monaten veröffentlicht. Deshalb ist es großartig, von der Bühne zu blicken und die Leute die verdammten Lyrics singen zu sehen. Außerdem: Sollte man den Text vergessen, kann man einfach einen Fan beobachten …  (beide brechen in Gelächter aus).

Fans feiern die neuen Songs ab
Zurück in der Menschenmenge des ausverkauften Gasometers: Die beiden Herren haben Recht behalten. Als die Band mit "Your Decision" die erste Nummer vom neuen Album "Black Gives Way To Blue" anstimmt und der Jubel um keinen Deut schwächer als bei den Klassikern zuvor ausfällt, scheint klar: Auch die österreichischen Alice-in-Chains-Fans haben die neue Scheibe ihrer Lieblinge ins Herz geschlossen. Getoppt wird der Jubel sogar bei der ersten Singleauskopplung "Check My Brain". Die Freude darüber scheint Gitarrist Jerry Cantrell förmlich ins Gesicht geschrieben.

Aber auch Neo-Frontmann William DuVall, der den 2002 an einer Überdosis gestorbenen Layne Staley ersetzt, freut sich sichtlich über so viel Enthusiasmus von Seiten der Konzertbesucher. Schließlich gilt es für ihn doch, wirklich große Fußstapfen zu füllen. Das tut er an diesem Abend übrigens hervorragend und rackert vom ersten Moment auf der Bühne, als sei der Wien-Gig das letzte Konzert der Tour. Unermüdlich rennt er über die Bühne, klatscht mit Fans ab und versucht, die Stimmung weiter anzuheizen. Dabei vermeidet er es, Staley zu kopieren. Vielmehr macht er auf sympathische Art klar, dass er trotz aller Verehrung für den Verstorbenen das gar nicht nötig hat.

Im Studio mit dem Neuen
Es ist eine Weile her, dass die Band gemeinsam im Studio war. Das letzte offizielle Album erschien vor 14 Jahren, als der Begriff "Grunge" noch in aller Munde war. Und nun ist auch noch ein Neuer mit von der Partie.

krone.at: Wie war es, wieder gemeinsam im Studio zu sein?
Cantrell: Es war absolut cool. Das ist es immer, wenn man Musik mit seinen Freunden machen kann. Das schöne ist, dass diese Band immer gute und inspirierte Musik geschaffen hat. Besonders im Licht der augenscheinlichen Veränderungen in unserer Band war das diesmal eine noch größere Herausforderung. Wir haben aber hart gearbeitet und am Ende ein großartiges Resultat erzielt. Das beweist mir einmal mehr: Musik war immer für mich da und das ist sie immer noch. Man denkt, dass es vielleicht einmal nicht mehr so sein könnte (lacht), aber sie ist immer da. Wenn es einmal nicht mehr so ist, ist es Zeit, aufzuhören. Aber soweit sind wir noch nicht.

krone.at: Die treibende Kraft hinter eurem Tun ist also nach wie vor die Freude an der Musik und eure Freundschaft?
Kinney: Absolut. Es hat sich auch im Umfeld viel verändert: In der Musikindustrie kann man kein Geld mehr verdienen. Die Leute kaufen keine Platten mehr, weshalb ein Haufen Kohle aus dem Musikzirkus verschwunden ist. Also geht es eigentlich nur darum, Shows zu spielen und das zu tun, was du liebst. Es gibt keinen anderen Grund für unser Comeback.
Cantrell: Ja, es zwingt uns niemand dazu, hier zu sein…
Kinney: Genau. Persönlich sind wir auch in keiner Situation, wo wir unbedingt Geld bräuchten. Wir machen das alles aus dem selben Grund wie immer: Wenn du Spaß miteinander hast und es liebst Musik zu machen, wird es Leute geben, die das hören wollen.

krone.at: Wie war die Arbeit mit William an "Black Gives Way to Blue" verglichen mit der Arbeit an früheren Alben?
Kinney: Naja, er ist eben ein anderer Typ.
Cantrell: Oh ja, es ist wirklich ganz anders: Er ist der Neue und ein anderer Typ. Wir haben uns - trotz aller Kontinuität - auch verändert. Aber die Arbeit mit einem neuen Bandmitglied ist herausfordernd. Wir mussten in etwas Neues hineinwachsen, aber gleichzeitig unsere Identität bewahren. Ich glaube, dass uns das geglückt ist. Wir wuchsen gemeinsam und haben uns angeschaut, wie alles zusammenpasst. Das ist aber gleich wie früher: Wir hatten auch da keine Ahnung, was wir taten (beide lachen) und haben uns einfach angesehen wie es funktioniert. Man gibt sein Bestes und hat dabei eine gute Zeit zu. Es gibt vieles, mit dem man seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Ich tue aber lieber das hier.
Kinney:rone.at: Es wäre ja auch hart, sich nach dem Leben als erfolgreicher Musiker jeden Tag in ein Büro zu setzen...
Kinney: Genau, aber viele Leute müssen das tun. Wie ich schon erwähnte: Viele Menschen holen sich die Musik heute gratis. Wir kommen aus einer Ära, in denen sie die Musik kauften. Und wir haben viel verkauft, also sind wir gut dran (lacht). Aber viele neue Bands haben das nicht. Also spielen sie sich auf Tour ihre Ärsche ab. Wenn sie dann nach Hause kommen, müssen sie in einem anderen Job arbeiten. Also tun sie das alles nur, weil sie die Musik lieben.

krone.at: Spürt auch ihr als "eingesessene" Band die großen Veränderungen im Musikbusiness - Stichwort illegale Downloads?
Cantrell: Es gibt niemanden, den dieses Thema nicht betrifft. Einige Aspekte des alten Systems waren Schrott. Und der Grund dafür ist, dass sie (die Musikindustrie, Anm.) nicht früh genug auf die Probleme reagiert haben. Ok, es ist nicht alles ihre Schuld, da es sich dabei um eine Menge verschiedener Probleme handelt. Sie hätten aber verantwortungsvoller mit ihrem eigenen Wohlergehen umgehen sollen. Auf diese Weise hätten sie die "Schafe" mehrmals schären können, anstatt sie gleich alle auf einmal zu schlachten, um sich dann ein neues Schaf suchen zu müssen.
Kinney: Außerdem: In den US- Top-200-Albumcharts gibt es derzeit vielleicht 17 Künstler, die mehr als eine Million Platten verkauft haben. Früher musste man einen ganzen Haufen Alben verkaufen, um überhaupt in die Top-200 zu kommen. Heute reichen dafür 2-3.000 Stück. Es betrifft also jeden, aber so läuft das halt.

Unplugged-Set bringt Halle zum Kochen
Mitten im Konzert wagen die Musiker den Bruch und gehen weg von treibender Energie und Härte. Als die vier mit Akustikgitarren bewaffnet die ersten Akkorde von "Down in a Hole" anstimmen, kocht die Halle fast über. Tausende Kehlen singen jede Textzeile mit und Jerry Cantrell freut sich darüber wie ein kleines Kind. "Great singing Vienna!" Die Intensität dieses einzigen Gänsehaut-Moments steigert sich noch während "No Excuses". Als dann auch noch die Staley-Hommage "Black Gives Way To Blue" vom neuen Album mit der Einblendung eines Fotos der verstorbenen Legende endet, ist es klar: Hier feiert eine große Familie.

Fast scheint es, als hätte es genau diesen Moment gebraucht: Die Band kann sich ihrer Fans sicher sein und umgekehrt. War die Stimmung bereits von Beginn an großartig, so gibt es jetzt kein Halten mehr. Mit den Hits "Angry Chair" und "Man in the Box" – wieder mit Strom in den Gitarren – beenden die 90er-Ikonen ihr reguläres Set unter tosendem Applaus der Anwesenden. Zuvor kommt noch "Acid Bubble" vom neuen Album, das sich nahtlos in das Programm einreihen kann – alle etwaigen Sorgen scheinen unbegründet. Mit den Zugaben "Would" und "Rooster" schickt die Band ihre Anhänger glücklich und zufrieden in die kühle Spätherbst-Nacht. Ausgestattet mit dem Wissen, dass Alice in Chains wirklich wieder zurück sind und ihnen der Erfolg wohl Recht gibt.

Keine Sorge um den Erfolg
krone.at:
Habt ihr euch vor der Veröffentlichung des Albums Sorgen gemacht, dass es kein Erfolg werden könnte?
Kinney: Wir tun das nicht wegen des Erfolgs. Wir machen Platten, wie wir das schon immer getan haben. Wir mögen sie und glauben an das, was wir tun. Und das reicht eigentlich. Natürlich hoffst du, dass es den Leuten gefallen wird. Aber das kannst du ihnen nicht vorschreiben. Du kannst die Leute nicht dazu zwingen, dein Zeug zu mögen.
Cantrell: Du kannst davon auch nicht abhängig sein…
Kinney: …und du kannst davon auch nicht abhängig sein. Wir sind natürlich glücklich, dass die Leute die Platte mögen, denn es war keine einfache Aufgabe für uns: Nach einer so langen Zeit und dem Verlust eines großartigen Künstlers und Freundes zurückzukommen. Es ist hart und eine gewaltige Herausforderung – aber wir nehmen es damit auf. Wir mögen das.

krone.at: Also hattet ihr wirklich keine Sorgen?
Cantrell: Nachdem du eine Platte veröffentlichst, hast du darüber sowieso keine Kontrolle mehr. Dass wir also durch diesen ganzen Aufnahmeprozess gegangen sind und sie dann veröffentlicht haben, sollte genug von unserer Seite sagen. Wir glauben an dieses Album - und zwar gleich stark wie an jede andere Veröffentlichung davor. Wäre "Black Gives Way To Blue" nicht cool, hätten wir es nicht veröffentlicht. Wir wären durch den Schaffensprozess gegangen und hätten es dann gut sein lassen. Aber wir haben uns zu einem Teil neu erfunden und sind daran gewachsen. Wir vergessen dabei weder, was wir heute sind noch woher wir kommen. Wie Sean schon sagte: Das war ziemlich schwierig und wir waren uns des Risikos bewusst. Aber die Musik war auch in diesem Fall für uns da.
Kinney: Vor drei oder vier Jahren wollten wir einfach ein Konzert in irgendeinem kleinen Club spielen. Wir haben das getan - ohne zu wissen, was passieren wird. Und heute sitzen wir hier (lacht) – so just roll with it and see where life takes you!

von Stefan Taferner
Fotos: Andreas Graf

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