Di, 24. April 2018

Keine Umbenennung

10.04.2018 17:34

Leoben: „Nazi-Straßen“ erhalten jetzt Infotafeln

Kurz nachdem Grazer Historiker eine Liste von 20 „höchst bedenklichen“ Straßennamen vorgelegt haben, wurde jetzt in Leoben zu drei derartigen Fällen ein solider Plan gefasst: Dichter-Pfarrer Ottokar Kernstock, Dichter-Arzt Hans Kloepfer und Maler Friedrich Mayer-Beck bleiben weiterhin Straßen-Paten, bekommen aber ein Zusatztaferl über ihre nationalsozialistischen Umtriebe. Außerdem soll Josef Freudenthaler seine Ehrenbürgerschaft verlieren.

73 Jahre ist der Krieg jetzt vorbei, und immer noch gibt es Straßen, die nach glühenden Nazis benannt sind. Für manche Steirer ein - wegen der geschichtlichen Entfernung - vernachlässigbares Problem; für die Millionen Holocaust-Opfer und ihre Nachkommen nach wie vor eine schmerzhafte Kränkung.

Einfach ignorieren geht nicht mehr, sagte man sich jetzt auch in Leoben. Zahlreiche Opferverbände, vertreten durch Historiker Werner Anzenberger, forderten eine Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit - und die Entfernung der belasteten Straßennamen.

Im Auftrag von Bürgermeister Kurt Wallner nahm Raumplanungs-Leiter Alfred Joham daher drei Namen unter die Lupe: Ottokar Kernstock (1848 bis 1928), der schon 1923 sein „Hakenkreuzlied“ schrieb; Hans Kloepfer (1867 bis 1944), seit 1933 Dichter im NS-„Kampfbund für deutsche Kultur“ - und Maler Friedrich Mayer-Beck (1907 bis 1977), der Nazi-Propaganda betrieb.

Von insgesamt 249 Straßennamen in Leoben sind das die einzigen problematischen. Warum es nicht mehr sind, erklärt Alfred Joham: „Viele Straßen und Plätze wurden schon 1945 beim Einmarsch der Russen wieder umgetauft. Außerdem gab es 1951 eine große Umbenennungs-Aktion, bei der hauptsächlich lokale Bezeichnungen eingeführt wurden.“

Auf Basis von Johams Untersuchung kam man jetzt in Leoben zu folgendem Ergebnis: Die Straßenschilder bleiben bestehen, werden aber durch aufklärende Tafeln ergänzt, als „Denkmäler gegen das Verdrängen und Vergessen“, so Bürgermeister Wallner, der überdies dem Lehrer und strammen Nazi Josef Freudenthaler (1874 bis 1955) die Ehrenbürgerschaft aberkennen will.

Die Opferverbände sind hochzufrieden, so Historiker Anzenberger: „Die Erläuterungstafeln haben gegenüber einer Umbenennung den Vorteil, dass belastete Personen aus dem kollektiven Gedächtnis nicht verschwinden, sondern sich Menschen mit ihrer - einer freien und demokratischen Gesellschaft abträglichen - Biografie auseinandersetzen.“

Bereits am Dienstag informierte Wallner die Klubobleute der anderen Parteien über den Plan; der Beschluss beim nächsten Gemeinderat am 21. Juni sollte nur noch Formsache sein.

Link zur Pressemeldung der Stadt Leoben

Matthias Wagner
Matthias Wagner

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