Sa, 25. November 2017

BA-CA-Boss zur Krise

31.10.2009 19:07

„Sowohl Banker als auch Kunden waren zu gierig“

Willibald Cernko, Chef der BA-CA und damit der größten Bank Österreichs, spricht im ausführlichen "Krone"-Interview über die Krise, neue Manager-Werte und Mitbewerber.

"Krone": Herr Generaldirektor, Sie stehen seit wenigen Wochen dem größten Bankinstitut Österreichs vor, für das Sie zuvor mehr als 20 Jahre tätig waren. Gab es durch den Wechsel an die Spitze Überraschungen für Sie, neue Einblicke in Struktur und Gebarung?
Willibald Cernko: Nach fast 25 Jahren Creditanstalt, Bank Austria, HypoVereinsbank und UniCredit sowohl im In- und Ausland kannte und kenne ich das Haus sehr genau. Natürlich gilt es, sich nun mit den aktuellen Themen zu beschäftigen.

"Krone": Wie haben Sie den Wandel der Creditanstalt und der Bank Austria zur heutigen Formation als BA-CA erlebt?
Cernko: Die "erfolgreiche" Privatisierung der Creditanstalt hat immerhin sechs Jahre beansprucht. Da gab es ja viele Versuche, sei es mit der Credit Suisse oder mit der Raiffeisenbank. Nach dieser langen Vorlaufzeit kam es dann zu einer politischen Lösung, indem sich Gerhard Randa mit der Bank Austria bei der Ausschreibung durchgesetzt hat. Punkt.

"Krone": Nicht mehr Emotionen?
Cernko: Für uns in der Creditanstalt war das ein ordentlicher Schock, das kann man schon so sagen. Es erschüttert einfach die Grundfesten, wenn man vom größten Mitwerber übernommen wird. Aber rückblickend betrachtet, muss ich ehrlich sagen, dass es kaum Fusionen gibt, die in der Folge so viele richtige Entscheidungen gebracht haben wie bei der BA-CA.

"Krone": Worin war der damalige Schock begründet? Am Kaufpreis oder an der Privatisierung an sich?
Cernko: Im Grunde ging es darum, dass man nicht etwas aufgeben wollte, das man lieb gewonnen hatte. Bis dahin hatte in unserem politischen Leben alles seine feste Ordnung. Mitte der Achtziger und Anfang der Neunziger hat in der ganzen Branche eine massive Änderung stattgefunden. Alle haben von der Anpassung gesprochen, davon, dass wir einen ähnlichen Weg wie die Stahlindustrie gehen würden. Manche haben die Einladung, in neue Zeiten zu gehen, angenommen, andere nicht.

"Krone": Sie haben angenommen. Mit Zweifeln?
Cernko: Für mich ist ein Tag dann erfolgreich, wenn ich an seinem Ende eine Möglichkeit mehr habe. Wenn ich so in die nächste Zukunft sehe, kann ich beruhigt sagen: Wir haben im Gegensatz zur einen oder anderen Bank unsere Schritte zur Konsolidierung bereits gesetzt.

"Krone": Welche Banken meinen Sie?
Cernko: Da brauche ich keine Namen nennen, die Ergebnisse sind doch ohnehin bekannt.

"Krone": Sie haben für Ihr Unternehmen keine Staatshilfe beansprucht. Birgt die Eigenkaptitalerhöhung "auf Pump" zu große Gefahr, früher oder später doch vom Staat kontrolliert zu werden?Cernko: Wir konnten die Mittel zum Glück selber aufbringen und können den Entwicklungen gelassener als andere entgegensehen, da wir das Geld auf Dauer zur Verfügung haben.

"Krone": Könnte es dazu kommen, dass bei anhaltender Krise nur noch die Marktführer im Bankenbereich übrig bleiben?
Cernko: Es ist möglich, dass manche Banken den Herausforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen sind.

"Krone": Ändert die Krise das Bankengeschäft oder ganz konkret Ihre Pläne für das Unternehmen?
Cernko: Natürlich stehen wir jetzt alle unter Beobachtung. Die Menschen fragen sich, ob irgendjemand was gelernt hat oder ob man bereits zu den alten Mustern zurückkehrt. Ich glaube, ein verändertes Verhalten wird erzwungen werden, und zwar aus zweierlei Gründen: Erstens werden uns Gesetzgeber und Aufsicht dazu anhalten, riskante Geschäfte mit mehr Eigenkapital zu unterlegen und noch vorsichtiger bei unseren Kundengesprächen vorzugehen. Andererseits wird die Gesellschaft verlangen, dass Unternehmen soziale Verantwortung übernehmen.

"Krone": Wie soll sie das bei Privatunternehmen einfordern?
Cernko: Die Gesellschaft kann sich durchaus erwarten, dass man mit ihr teilt. Die neue Manager-Generation, damit meine ich kein Lebensalter, ist bereit, eine Wertewelt zu leben, in der es nicht ausreicht, gute Finanzergebnisse abzuliefern. Möglicherweise klingt das jetzt esoterisch, aber ich glaube daran.

"Krone": Wem gegenüber soll es nicht mehr ausreichen, gute Finanzergebnisse abzuliefern?
Cernko: Die Öffentlichkeit wird darauf schauen, wie ich mich verhalte, ob ich ein Ekel bin, das sich ungeniert seinen kaufmännischen Erfolg aus dem Gesicht hängen lässt, oder ob ich auch bereit bin, nachhaltig zu handeln. Wie viele Jubel-Berichte gab es über Menschen, die Millionen an den Börsen gemacht haben? Sind das heute noch die Helden, die Vorbilder?

"Krone": Nehmen Sie wirklich an, dass der öffentliche Druck das tatsächliche Verhalten im Finanzbereich ändern wird?
Cernko: Das Gutmenschentum wird nicht ausbrechen, und niemand wird im Büßergewand umherlaufen. Dennoch hat die Mehrheit eingesehen, dass wir einfach zu gierig waren, sowohl die Banker als auch die Kunden. Das funktioniert so nicht. Man kann mit einem Stück mehr Maßhalten trotzdem erfolgreich wirtschaften, und zwar langfristig.

"Krone": Leiden Sie unter dem aktuellen, im Allgemeinen alles andere als positiven Image der Banker?
Cernko: Wir haben alle ordentlich dazu beigetragen, dass es jetzt diese Vertrauenskrise gibt. Ich persönlich bin ein genauso begeisterter Banker wie am Anfang meiner Karriere, aber ich ärgere mich, und ich geniere mich für das Verhalten anderer.

"Krone": Ihre Prognose für die Krise?
Cernko: Wir stellen uns 2010 auf ein sehr herausforderndes Jahr ein. Danach sollte es aller Voraussicht nach besser werden. Die Sohle ist an sich erreicht, allerdings wird es in manchen Bereichen trotzdem noch zu Tiefschlägen kommen.

Interview: Nadia Weiss

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