Sa, 21. April 2018

„Ready Player One“

04.04.2018 15:53

Spielbergs Zuckerrausch zurück in die Achtziger

Atari 2600, der DeLorean aus „Zurück in die Zukunft“ und die Hits der Pop- und Rockmusik der 70er- und 80er-Jahre: Steven Spielberg kehrt nach zuletzt ernsteren Filmthemen mit „Ready Player One“ zu seinen Blockbuster-Wurzeln zurück und liefert ein irrwitziges Virtual-Reality-Spektakel ab, bei dem auch das Menschliche nicht ganz auf der Strecke bleibt. Ein wahrer Zuckerrausch, der aber als ultimativer Film für „Fanboys“ am Ende nur hartgesottene Nostalgiker so wirklich zum Strahlen bringen dürfte.

Wir schreiben das Jahr 2045. Die Welt der nahen Zukunft ist, wie könnte es auch anders ein, kein schöner Ort zum Leben. Trostlos und überbevölkert, fristen Millionen von Menschen ihr Dasein in Slums, die aus übereinandergestapelten Wohnwägen und Containern bestehen. Der futuristische „Trailer Trash“ ist nur eine von vielen, durchaus liebevoll gemeinten Holzhammer-Metaphern, denen sich schon die gleichnamige Romanvorlage von Ernest Kline bediente.

Einziger Lichtblick für die Massen dieser dystopischen Realität: Ein virtuelles Paralleluniversum namens Oasis, geschaffen vom gutherzigen und schüchternen Firmengründer James Halliday (Oscar-Preisträger und Spielberg-Freund Mark Rylance). Halliday wird als Genie dargestellt, dass durch seine Kreation die Macher des 20. Jahrhunderts wie Bill Gates und Steve Jobs an historischer Bedeutung in den Schatten stellt - und damit mit großem Abstand zum reichsten Menschen der Welt aufsteigen konnte.

Die ganze Welt sucht „Ostereier“
Die Handlung von „Ready Player One“ setzt fünf Jahre nach dem Tod des Oasis-Schöpfers ein. Kurz vor seinem Ableben hat Halliday eine virtuelle Schatzsuche ausgerufen: Wer drei „Easter Eggs“ in Form von drei Schlüsseln findet, erbt nicht nur das gigantische Vermögen Hallidays sondern die Oasis gleich mit dazu. „Easter Eggs“ werden versteckte Dinge in Videospielen und auch Film und Fernsehen genannt, seit der Programmierer des Atari-2600-Spiels „Adventure“ das erste Osterei der Geschichte in dem Game versteckte.

Jagd auf die Schlüssel bzw. „Ostereier“, die das Schicksal der gesamten Menschheit ändern könnten, machen nicht nur die jugendlichen Protagonisten Wade Watts (Tye Sheridan) und Samantha (Olivia Cooke), die als Spielfiguren in der VR-Welt „Parzival“ und „Art3mis“ heißen, sondern auch der fiese Konzernboss Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn, zuletzt als Bösewicht Direktor Orson Krennick in „Star Wars: Rogue One“). Sorrentos Firma IOI (Innovative Online Industries), nach Hallidays Oasis das zweitgrößte Unternehmen der Welt, macht ihr Geld mit der für die virtuelle Realität nötigen Hardware.

Weil das aber nicht genug ist, werden Menschen, die in der Spielewelt Schulden angehäuft haben, in der realen Welt versklavt und dazu verdammt, IOI bei ihrer Jagd auf die drei Schlüsseln zu Diensten zu sein. Um vor allen anderen Spielern, Gunters (kurz für Egg Hunters) genannt, ans Ziel zu kommen und Hallidays Erbe anzutreten, ist Sorrento jedes Mittel recht. Der Schurke, der selbst wenig von der Oasis hält und sich nicht einmal sein Login-Passwort merken kann, unterhält eine ganze Armee - die in der virtuellen Welt nach den Schlüsseln sucht und in der düsteren Realität für ihren Boss über Leichen aus Fleisch und Blut geht.

Wahre Flut an Verweisen auf die Popkultur
Die Idee mit den „Easter Eggs“ stammt, wie so gut wie alles in dem Film bzw. der Romanvorlage aus der Popkultur. Denn „Ready Player One“ lebt fast zur Gänze von Nostalgie. Spielbergs Verfilmung ist von vorne bis hinten, von oben bis unten mit akustischen und visuellen Bezügen zu Videospielen, Filmen, TV-Serien, Comics, Spielzeugen und Rollenspielen geladen - hauptsächlich aus den 1980er-Jahren, aber nicht ausschließlich.

Da schwingt sich etwa King Kong durch die Häuserschluchten von Manhattan, um die Gunters bei einem spektakulären Autorennen gleich zu Beginn vom Erreichen des Zielgeraden zu hindern. Hauptfigur Parzival kurvt bei dem Rennen im DeLorean aus „Zurück in die Zukunft“ herum, während Art3mis mit dem Motorrad von „Akira“ durch die virtuelle Parallelwelt rast. Freddy Krueger ist ebenso wie die schaurigen Geister aus Stephen Kings „The Shining“ mit von der Partie. Und im finalen Kampf kommen sogar MechaGodzilla, der Gigant aus dem Weltall, die Ninja Turtles und die Killerpuppe Chucky zum Einsatz, um nur einige der unzähligen Popkultur-Bezüge zu nennen. Untermalt wird das Ganze von allzu bekannten Songs von Van Halen, Duran Duran oder den Bee Gees.

Die Zahl der Verweise ist dermaßen groß, dass man als Zuseher schlichtweg das Gefühl hat, schon beim Blinzeln etwas verpasst zu haben. Überall gibt es etwas zu entdecken - oftmals mehr, als das Auge bei dem rasanten Tempo des Films erfassen kann. Während man am rechten Rand der Kinoleinwand zum Beispiel gerade das Batmobil durchs Bild fahren sieht, ist einem dafür am linken Rand ein Raumschiff der Star-Wars-Filme entgangen. Nicht zu Unrecht wird der Film deshalb bereits mit den beliebten Wimmelbüchern verglichen.

Warum beziehen sich die meisten Referenzen auf die 70er- und 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts? Ganz einfach, weil Oasis-Gründer James Halliday, stellvertretend für Romanautor Ernest Kline, ein Kind dieser Zeit und regelrecht besessen davon ist. Verglichen mit dem Roman wurde aber einiges verändert oder weggelassen. Anders als in der Romanvorlage kommen etwa so gut wie keine Bezüge auf Spielbergs Oeuvre vor - das war dem Regisseur dann doch zu viel. Weitere Änderungen sind zwar auch Lizensierungsproblemen geschuldet - die wichtigsten Unterschiede betreffen aber die Rätsel rund um die Jagd nach den drei Schlüsseln.

Anhand dieser starken Abweichungen von der Vorlage wird deutlich, warum Spielberg auch heute noch zu den wahren Meistern seines Fachs gehört. Ist Klines Roman nämlich ein insgesamt eher seelenloser Schwall an Popkultur-Referenzen, die als kunterbunt-grelles Gewand für die äußerst dünne Handlung herhalten müssen, kann der Filmemacher der Nostalgie-Geschichte wenigstens ein klein bisschen Herz und Seele verpassen. Drehten sich die Rätsel im Buch ausschließlich um Fragen zu Videospielen und Filmen, die Halliday besonders am Herzen lagen, müssen die Helden in Spielbergs Version sich bei der Schnitzeljagd mehr in das menschliche Schicksal des Genies vertiefen, um am Ende als Gewinner dazustehen. Eine Strategie, die der Film dringend nötig hat.

„Menschen müssen mehr Zeit in der realen Welt verbringen“
Auch wenn „Ready Player One“ letztlich nicht unbedingt etwas wirklich Neues oder Interessantes zu sagen hat, handelt es sich um einen handwerklich fehlerfreien Film. Ein Werk, wie es nur einem Meisterregisseur wie Steven Spielberg gelingen kann - und woran viele andere Filmemacher scheitern: Ein durchaus cleverer, stylischer und unterhaltsamer Blockbuster, der dem Kinoäquivalent eines Zuckerrausches gleichkommt. Übrig bleibt am Ende aber nur Hallidays Warnung: „Die Menschen müssen mehr Zeit in der realen Welt verbringen.“ Denn das Genie weiß: „Der einzige Ort, an dem es etwas Anständiges zu essen gibt, ist die Realität.“

„Ready Player One“ läuft ab dem 6. April 2018 in den heimischen Kinos.

Harald Dragan
Harald Dragan

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