Fr, 20. April 2018

„Krone“-Interview

30.03.2018 07:00

Zeke: Die Auferstehung der wildesten Punkrock-Band

Rund ums Millennium tauchte mit Zeke eine Band aus dem Nichts auf, die dem dahinsiechenden und immer mehr Richtung Pop schielenden Punk wieder die nötige Dosis Aggression und Gefährlichkeit einhauchte. Nach einigen starken Alben war 2004 Schluss, doch nun melden sich „Blind“ Marky Felchtone und Co. mit dem Comebackalbum „Hellbender“ wieder zurück. Wir haben mit dem Mastermind noch einmal die Geschichte der kompromisslosen und vielfach missverstandenen Kultband aufgerollt.

Vor exakt 20 Jahren wechselte eine Punk-Band zum Genre-Label Epitaph Records, die dem immer lascher werdenden Genre mit einem Schlag eine gehörige Portion „Fuck You“-Attitüde zurückbrachte. Die damals populäre Compilation--Reihe „Punk-O-Rama“ wurde zum dritten Mal veröffentlicht und wartete mit einem Song namens „Telepath Boy“ der damals noch weithin unbekannten Zeke auf. Die Band aus Seattle war zu diesem Zeitpunkt bereits seit sechs Jahren tätig, schaffte mit energetischen Liveshows und ihrem kompromisslosen Songwriting nun den nächsten Schritt und blies mit diesem Song alles weg, was sich ihnen in den Weg stellte. Beim dazugehörigen Album „Kicked In The Teeth“ war der Titel Programm, denn etwas so Harsches und durch und durch Gnadenloses war der gemeine Punk-Fan zu dieser nicht mehr gewohnt. Alteingesessene fühlten sich von der klanglichen Bedrohlichkeit gar an die frühen Ramones erinnert. Mit ihrem „High Octane Rock“ rollten die juvenilen Wüteriche wie eine Walze durch unbedarfte Gehörgänge.

Aus der Spur gefallen
Es war der Beginn für rund vier glorreiche Jahre. „Das Nachfolgealbum ,Dirty Sanchez‘ war nicht wirklich gut, auch wenn es viele Leute mögen“, erinnert sich Sänger „Blind“ Marky Felchtone im „Krone“-Interview an die Zeit rund ums Millennium zurück, „aber ,Death Alley‘ 2001 war wohl unser bestes Werk. Ich bin immer noch stolz darauf, denn ich habe nie eine Band gehört, die Metal und Punk so gut vermischte, wie wir auf diesem Album.“ Damals raschelte es aber gewaltig, denn Epitaph waren damit alles andere als glücklich. „Sie hassten die Richtung, die wir einschlugen. Sie wollten ein normales Punkrock-Album, aber das ist nicht Zeke. Zeke sind unberechenbar. Wir haben damals sehr viel mit Biker-Ästhetik gespielt und bewusst mit Shirtmotiven provoziert, ohne Grenzen zu durchstoßen. Epitaph wollten daraufhin nichts mehr mit uns zu tun haben und wir konnten das Album nur mit Mühe veröffentlichen.“

17 Jahre später gilt „Death Alley“ als Genre-Referenzwerk, die Genialität und Eigenständigkeit des Albums wuchs aber nur sehr langsam in den Köpfen der Fans. Für Felchtone war sein „bestes Album“ jedenfalls auch sein gesundetes, denn zu dieser Zeit kam er bereits das zweite Mal von den Drogen runter. „Wäre ich mit Zeke nicht dauernd auf Tour gewesen, dann hätte ich meinen Drogenmissbrauch nie eingrenzen können und wäre längst gestorben. Der Rock’n’Roll hat mein Leben gerettet. Ich kam 1994 das erste Mal davon weg, rutschte aber wieder in den Strudel bis Ende 2000. Erst als ich ,Death Alley‘ schrieb und mithilfe meiner Familie und Freunde, war ich kein absolutes Wrack mehr. Dann schaffte ich es mit der Band sogar nach Europa und Japan und war einfach dankbar dafür, was ich alles erleben durfte.“

Für immer Underground
Das Personalkarussell drehte sich über die Jahre in Rekordgeschwindigkeit, der Underground-Gedanke, der Zeke zum Kultstatus in der Szene verhalf, wurde immer mehr zur Bürde und Belastung für Felchtone und seine wechselnden Mitstreiter. „Es ist nicht leicht, sechs Jahre lang in einer Band zu sein, die kein Geld abwirft. Was ist, wenn du eine Freundin hast und eine Familie gründen willst? Was machst du, wenn du ein tolles Jobangebot mit einem fixen Verdienst bekommst? Ich kann dir garantieren, dass niemand in Zeke jemals Geld machte oder machen wird. Wir haben diese Band, weil wir unsere Musik lieben – nicht mehr und nicht weniger. Eigentlich bin ich sogar vielmehr überrascht davon, wie lange manche überhaupt in der Band geblieben sind.“

Nach dem Erfolg von „Death Alley“ unterschrieben Zeke für zwei Alben bei Relapse Records. Nach dem aus alten Songideen zusammengestoppelten Album „‘Til The Livin‘ End“ 2004 löste sich die Band zunehmend auf, bis rund zwei Jahre später endgültig Schluss war. „Ich habe meine Tochter bekommen, mein alter Partner Kurt Colfelt hat insgesamt sogar sechs Kinder. Für mich war das damals der perfekte Zeitpunkt, um die Bremse zu betätigen und ins normale Leben zurückzukehren.“ Für Felchtone bedeutete das, wieder in seiner angestammten Tischler-Zunft tätig zu sein. Dass es Zeke heute wieder gibt, ist einigen Zufällen geschuldet.

Keine Ausreden
„Vor etwa zwei Jahren kamen einige Dinge ganz zufällig ins Rollen. Ein paar unserer Songs wurden in amerikanischen TV-Shows gespielt und irgendjemand fragte nach, ob es von uns auch mal was Neues geben würde. Wir haben vor unserem Ende auch für zwei Alben beim Label unterschrieben, aber nur eines veröffentlicht. Irgendwie bekam ich 2015 Lust, wieder zu proben und versuchte das mit einigen mehr oder weniger alten Bekannten. Anfang 2017 haben wir uns schließlich als Team wiedergefunden und Ernst gemacht. Außerdem bekamen wir 6000 US-Dollar Vorschuss, womit es keine Ausreden mehr für uns gab.“

Das Comebackalbum „Hellbender“ hätte eigentlich schon im Herbst 2017 erscheinen sollen, verschob sich aus diversen Gründen aber mehrmals nach hinten. Für Zeke ergab sich dadurch die Gelegenheit, sich mit Touren in den USA und auch Europa (darunter ein schweißtreibender Juli-Gig in der Wiener Arena) wieder ins Gedächtnis der alten Fans zu spielen. „Es verging inzwischen so viel Zeit, dass ich mir gar nicht mehr sicher war, ob überhaupt wer zu unseren Konzerten kommen würde. In den USA ging alles ganz gut, in Europa sogar noch besser. Es war in vielen Ländern auch eine Art Wiedergutmachung, denn in Spanien, Italien oder Frankreich spielten wir damals furchtbare Shows. Dieses Mal war die Stimmung aber stets am Kochen.“

Der Tochter sei Dank
„Hellbender“ selbst ist ein 15 Songs starkes, typisches Zeke-Manifest. Sehr viel Rock’n’Roll, noch mehr Punk und unzweideutige Songtitel wie „Working Man“, „County Jail“ oder „Devil’s Night“ schmiegen sich so passgenau in die Diskografie der Nordwestamerikaner, als ob sie niemals weggewesen wären. „Das gehört wahrscheinlich in kein Interview, aber verantwortlich für das Album war meine Tochter. Ich hatte schon 20 Songs geschrieben und als sie sie hörte, war sie enttäuscht darüber, wie langsam sie waren. Also schrieb ich mit Kurt noch einmal alles von vorne und von dem Resultat war sie begeistert“, blickt Felchtone lachend zurück.

Zu viel für die Zukunft will er dann aber doch nicht versprechen. „Erstmals seit den ganz frühen Zeke-Tagen habe ich ein Line-Up, in dem wirklich jeder zum Songwriting beiträgt. Schauen wir einmal, ob wir diesen Schwung weiterziehen können. Ich bin mittlerweile 50 und Kurt ist 56, aber das Livespielen fällt uns heute leichter als vor fünfzehn Jahren. Ob wir aber wieder zehn oder mehr Jahre auf ein weiteres Album warten lassen, das kann ich dir beim besten Willen nicht garantieren.“ Notfalls braucht es eben wieder einen klaren Schubser von der Tochter, um die alten, kompromisslosen Punkrock-Tage auch weiterhin aufleben zu lassen…

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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