Di, 24. April 2018

Bremse nicht fixiert

14.03.2018 17:55

Neues Gutachten um Baby-Drama am Bahnsteig

Nach dem folgenschweren Unfall Anfang Oktober 2017 am Bahnhof Puch bei Hallein, wo der Sog eines Güterzuges einen Kinderwagen erfasst hatte und ein Kleinkind tödlich verletzt worden war, liegt der Staatsanwalt Salzburg jetzt ein Gutachten zum Unfallgeschehen vor. „Der Kinderwagen war nicht eingebremst“, sagte Marcus Neher, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Ein gerichtlich beeideter Zivilingenieur für Wirtschaftsingenieurswesen in Maschinenbau hat Versuche am Unfallort durchgeführt. Wäre die Feststellbremse angezogen gewesen, hätte sich der Kinderwagen nicht bewegt, lautet ein Erkenntnis des Sachverständigen. Bei nicht eingelegter Bremse habe sich der Kinderwagen bei einer Krafteinwirkung, wie sie durch die Sogwirkung bei durchfahrenden Zügen entsteht, bewegt. Das ist ein weiteres Ergebnis des Gutachtens.

Einjähriges Mädchen starb
Das Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung ist noch nicht abgeschlossen, wie der Staatsanwaltschaftssprecher erklärte. Bei dem Unglück am 4. Oktober war ein Kinderwagen vom Sog eines durchfahrenden Güterzuges mitgerissen und von einem Waggon erfasst worden. Dabei wurde ein einjähriges Mädchen aus dem Buggy geschleudert. Das Kind starb wenig später im Krankenhaus. Als der Unfall passierte, soll die Mutter den Kinderwagen laut Polizei aus der Hand gegeben haben, weil sie sich ihrem dreijährigen Sohn zugewandt hatte.

Zum Zeitpunkt des Unfalls war am Bahnhof Puch maximal 100 km/h für Güterzugdurchfahrten und 130 km/h für Personenzüge erlaubt. Erhebungen ergaben, dass der Güterzug die Maximalgeschwindigkeit nicht überschritten hatte. Als eine temporäre Sofortmaßnahme der ÖBB nach dem Unfall durften Güterzüge an der Station in Puch nur noch mit maximal 60 km/h durchfahren, Personenzüge höchstens mit 100 km/h.

Halteschlaufen, Durchsagen, Versuche mit Kinderwagen
Nachdem die ÖBB zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen gesetzt hatten, wie die Installation von Halteschlaufen für Kinderwagen und Lautsprecherdurchsagen, die auf das Festhalten von Kinderwagen bei Zugdurchfahrten hinweisen, wurden am 21. Dezember die vorübergehenden Tempobeschränkungen wieder aufgehoben. Am 16. Jänner führte der Zivilingenieur Versuche mit einem bauartgleichen Kinderwagen - es handelte sich um einen „Geschwister-Buggy“, der Platz für zwei Kinder bietet - am Unfallort beim Gleis eins durch.

Der Sachverständige stellte fest, dass ein eingebremster Kinderwagen bei Durchfahrten von Personen- und Güterzügen mit Geschwindigkeiten von 87 bis 130 km/h nicht in Bewegung geraten wäre. Bei den Nachstellversuchen wurde ein bauartgleicher Kinderwagen mit einem 8,5 Kilogramm schweren Sandsack beschwert, um eine authentische Situation herzustellen. Dass der Doppel-Kinderwagen in Bewegung geraten war, sei aus Sicht des Sachverständigen durch den Drehmoment erklärbar, der durch die einseitige Gewichtsbelastung entstanden sei, erläuterte Staatsanwalt Neher.

Feststellbremse war funktionstüchtig
Bei nicht angelegten Bremsen an den Hinterrädern hat der Kinderwagen dem Gutachten zufolge relativ rasch beschleunigt, sodass davon auszugehen sei, dass eine Person (in diesem Fall die Mutter, Anm.) in dieser Situation nicht die Möglichkeit hatte, rechtzeitig mit der Hand den Kinderwagen zu erreichen. Bei der Durchfahrt eines Personenzuges sei der Kinderwagen durch den nachlaufenden Luft-Schleppwirbel spontan in Bewegung gesetzt worden. Nach Einschätzung des Gutachters war die Feststellbremse des Kinderwagens, in dem sich das einjährige Mädchen befunden hatte, funktionstüchtig. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Mutter und gegen unbekannte Täter.

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