Mo, 21. Mai 2018

„American Utopia“

08.03.2018 12:00

David Byrne strebt nach einer besseren Welt

Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre, da waren die Talking Heads für viele Rockkritiker die beste Band der Welt. Ihre brodelnde Mixtur aus Post-Punk, Funk, Avantgarde-Pop und World Music klang beispiellos mitreißend. Zehn Jahre später löste Frontmann David Byrne das virtuose Quartett auf, um sich einer Karriere unter eigenem Namen zu widmen.

Weiterhin als Musiker, aber auch als Filmkomponist, Buchautor, Fotograf, Kolumnenschreiber für die „New York Times“ (und als missionarisch eifriger Radfahrer) - man kann sich Byrne demnach als vielbeschäftigten, jederzeit kreativen Menschen vorstellen. Und wenn er nun - nach diversen spannenden Kooperationen mit Brian Eno, Fatboy Slim und Hipster-Queen Annie Clark alias St. Vincent - sein erstes echtes Soloalbum nach 14 Jahren präsentiert, darf man einiges erwarten.

Ironie oder Wahrheit?
Erst recht, wenn der politisch stets hellwache US-amerikanisch/britische Sänger und Gitarrist diese Platte „American Utopia“ nennt - zu einer Zeit, in der sich die USA gerade von Utopien im Sinne eines gesellschaftlichen Fortschritts verabschiedet haben. „Ist es ironisch gemeint? Ist es ein Witz? Meine ich es ernst?“, so hinterfragt der 65-jährige, gertenschlanke und weißhaarige Gentleman mit schottischen Wurzeln selbst den Albumtitel.

Zunächst einmal beschrieben seine zehn neuen Lieder „keinen imaginären und möglicherweise unmöglichen Ort, sondern sie versuchen die Welt zu erfassen, in der wir heute leben“, antwortet Byrne sich selbst. Und betont: „Die Songs sind ernst gemeint - der Titel ist nicht ironisch.“ Gerade jetzt, so drückt er es im Interview des deutschen „Rolling Stone“ aus, „braucht es etwas Hoffnungsvolles, das dem, was wir zurzeit denken und fühlen, entgegengesetzt ist, wenn wir morgens aufwachen“. Dem „Zeit-Magazin“ sagte er: „Ich probiere eben mit aller Macht, mich davon zu überzeugen, dass die Welt gar nicht so finster ist, wie es zurzeit den Anschein hat.“

Mehrfache Initiativen
Musik als Seelenbalsam für Verängstigte und politisch Frustrierte, als Quelle für neuen Optimismus - das hört sich ziemlich simpel an für einen bekennenden Skeptiker wie David Byrne. Aber tatsächlich geht „American Utopia“ einher mit einer weiteren aktuellen Initiative dieses agilen Künstlers: Die von Byrne kuratierte Vortragsreihe „Reasons To Be Cheerful“ soll anhand politischer, kultureller und gesellschaftlicher Vorzeigeprojekte Zuversicht verbreiten. Als Byrne kürzlich damit in Berlin auftauchte, konnte man ihm die Begeisterung für diese Hoffnung weckenden Ideen jedenfalls deutlich anmerken.

Auch früher war stets spürbar, dass der Rock-Intellektuelle Byrne die Lebensfreude der Düsterkeit vorzieht, dass er dies mit tanzbaren Songs auszudrücken versteht. Schon das Groove-Gebräu der Talking Heads - weltweit berühmt spätestens seit Jonathan Demmes epochalem Konzertfilm „Stop Making Sense“ (1984), mit Hits wie „Burning Down The House“ oder „Road To Nowhere“ - war so ein Aufputschmittel. Später erweiterte Byrne sein Spektrum um latein- und südamerikanische Musik. Seine Platten blieben intelligent und funky zugleich.

Generationsübergreifend
Auch sein neues Album beeindruckt wieder mit einer bunten Mischung aus exotischen Klangfarben, unverbrauchten und zugleich zugänglichen melodischen Einfällen sowie vielen raffinierten Rhythmen. Byrne hat dafür sowohl mit lange etablierten als auch mit derzeit angesagten jungen Künstlern zusammengearbeitet - darunter sein bewährter Kreativpartner Brian Eno, die Produzenten Rodaidh McDonald (The xx, King Krule) und Thomas Bartlett, Sänger und Musiker wie Jack Penate, Daniel Lopatin und Mercury-Prize-Gewinner Sampha.

Größter Trumpf dieses zwischen Soulpop, Ethno-Sounds und Elektro-Rock oszillierenden Albums ist aber Byrnes unnachahmlich zickige, nervöse Crooner-Stimme, die sein ganzes Charisma, seine smarte Persönlichkeit spiegelt. Mit „American Utopia“ ist diesem Pop-Universalgenie ein aufmunternder, in Bewegung setzender Kommentar zur Weltlage gelungen. Und (hoffentlich) der Beginn eines großen Alterswerks. Eine Rückkehr zu den Talking Heads sei darin aber wohl nicht enthalten, hat David Byrne zum Leidwesen mancher Fans schon klargestellt.

 krone.at
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