Sa, 26. Mai 2018

Kolumne „Im Gespräch“

04.03.2018 06:00

Liebe dich! Sich selbst und andere achten

Als ich Marias Nummer am Display meines Handys sah, wusste ich, dass etwas passiert war. Am Telefon war Marias Sohn: „Meine Mutter hatte einen Zusammenbruch. Sie liegt im Krankenhaus.“

Maria ist unsere Leihoma. Seit ich sie kenne, war sie nie krank. Nie hatte sie anderes vor. Selbst so manchen Geburtstagsabend hat sie schon geopfert, um unsere Kinder zu hüten und meinem Mann und mir ein paar „freie“ Stunden zu ermöglichen. Maria könnte schon längst ihre Pension genießen. Aber Ruhe? Kennt sie nicht. Sie opfert sich lieber auf, für ihre eigene Familie und für andere. Ihr Pflichtgefühl kennt keine Grenzen. Das Einzige, was Maria nie gelernt hat, ist auf sich selbst zu achten.

Bis zur Erschöpfung
Tagtäglich schleppen sich Menschen ins Büro, mehr krank als gesund. Denn irgendwer muss die Arbeit ja erledigen. Wir verausgaben uns bis zum Umfallen. Schenken Krankheiten oder Erschöpfungserscheinungen keine Aufmerksamkeit, denn der Alltag dreht sich ja gnadenlos weiter. Wir sind auf Leistung getrimmt. Zeit für Schwäche hat da keinen Platz. Und wenn uns ein Arzt wohlmeinend rät: „Sie sollten wirklich mehr auf sich selbst achten!“, denken wir uns nur: „Ja eh. Schön wär’s“.

Auf sich achten, für andere sorgen
Was wir in unserem Leistungswahn übersehen, ist so simpel wie grundlegend: Nur wer gut auf sich selber achtet, kann auch gut für andere sorgen. Wer schon einmal in einem Flugzeug saß und ausnahmsweise die Sicherheitsanweisungen aufmerksam verfolgt hat, der weiß: Im Notfall ist es unsere Pflicht, zu allererst uns selbst zu versorgen. Erst dann sollen wir uns um Kinder, Ältere und Schwache kümmern. Nur wer selbst handlungsfähig bleibt, kann auch anderen helfen. Nur so hätten alle eine Chance zu überleben.

Sich selbst nicht gerecht werden
Im Flugzeug leuchtet uns das ein. Im Alltag kaum. Und warum? Weil wir so konditioniert sind. Weil wir Angst haben, Schwäche zu zeigen, weil wir uns schämen, die Masken fallen zu lassen, in einer Welt, die uns, vor allem in den sozialen Medien, nur Stärke und den schönen Schein vorgaukelt. Stattdessen funktionieren wir und beuten uns lieber selbst aus. Und wir übersehen dabei, dass wir uns selbst nicht gerecht werden. Und wir werden auch Gott nicht gerecht.
Als Jesus gefragt wurde, welches das größte Gebot sei, antwortete er: „Ihr sollt Gott von ganzem Herzen lieben und ihr sollt eure Mitmenschen lieben wie euch selbst.“ Nicht mehr und nicht weniger.

Gott möchte, dass es uns gut geht
Dass wir uns selbst lieben. Nur wer sich um sich selbst kümmert, wer Schwächen zulässt, Krankheit, Traurigkeit oder Erschöpfung Raum gibt, der kann auch für andere aus dem Vollen schöpfen. Der kann jener Mensch sein, der er sein möchte: stark und fürsorglich und leistungsfähig. Für sich und für andere.

Evangelische Vikarin Julia Schnizlein, Kronen Zeitung
julia.schnizlein[@]lutherkirche.at

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