Mo, 19. Februar 2018

„Krone“-Interview

30.01.2018 14:16

Benjamin Booker: Streitbares Musik-Chamäleon

Wie ein Komet raste der US-Musiker Benjamin Booker mit seinem Debütalbum vor drei Jahren in die Umlaufbahn des Irdischen und wusste Hörer wie Kritiker gleichermaßen zu begeistern. Nach den ersten Erfolgen drohte die Gefahr des Versumpfens, doch Booker zog sich gekonnt heraus und überraschte mit seinem Zweitwerk "Witness" letztes Jahr die gesamte Musikwelt. Die "Krone" traf den 28-Jährigen in Berlin zum ausführlichen Gespräch über sein bewegtes Leben und seine musikalischen Ziele. Ein Österreich-Livekonzert lässt noch auf sich warten...

Ryan Adams ist im Musikgeschäft bekannt dafür, gerne mal mit seinem arroganten Gehabe anzuecken. So mokierte er sich letzten Sommer beim Lissabonner NOS Alive Festival über die gehypten Alt-J und zog sich damit prompt den Zorn von Benjamin Booker zu. Der ließ sich im Affekt zu einem langen und unzweideutigen Facebook-Post hinreißen, indem er Adams ordentlich die Leviten las, die Standpauke mit „This motherfucker better hope I don’t see him out there“ beendete und dafür relativ wenig Kritik, dafür aber umso mehr Lob von seiner Community erntete. Auch wenn er sich in einem zweiten Post versöhnlich zeigte und Adams gegenüber sanftere Töne anschlug, saß die Kritik nachhaltig. Viel zu selten passiert es im zunehmend PR-getriebenen Business, dass ein Künstler seinem Herz in aller Öffentlichkeit freien Lauf lässt – ohne Rücksicht auf Verluste oder weitere Folgen.

Ehrlich und authentisch
„Oh mein Gott, dieser Vorfall“, erinnert sich Booker im Interview mit der „Krone“ in Berlin noch haarscharf zurück, „ich kann dir gar nicht sagen, wie viele Bands nach diesem Post zu mir kamen und sich bedankten, weil sie dieselbe Meinung hätten, das aber niemals hinausposaunen würden. Das Leben ist einfach zu kurz, um es mit dummen Arschlöchern zu verbringen. Ich glaube daran, dass wir alle auf dieser Welt sind, um die bestmögliche Zeit miteinander zu verbringen und uns gegenseitig möglichst gut behandeln sollten. Es ist pure Zeitverschwendung, sich dermaßen dämlich zu gebären.“ Die besten Freunde werden Booker und Adams in diesem Leben nicht mehr, doch auch wenn der 28-Jährige seine Wörter heute anders wählen würde, stehen sie sinnbildlich dafür, wie offen, ehrlich und vor allem authentisch er sich im scharfkantigen Haifischbecken Musikbusiness präsentiert.

Als er 2014 sein Debütalbum „Benjamin Booker“ auf den Markt warf, erkannten findige Musikexperten in ihm die Rettung handgemachter Gitarrenmusik. Mit seiner Mischung aus unkontrolliertem Garage Rock, Blues, Punk und einer Prise Soul eroberte er die Herzen der Kritiker im Sturm. Der „Rolling Stone“ adelte ihn zum „artist you need to know“, in den Billboard Independent Charts setzte er sich in den Top-10 fest und Fernsehauftritte bei renommierten Late-Night-Talkern wie David Letterman, Conan oder Jools Holland erhöhten seine Popularität rasant. Dazu gab es noch Festivalauftritte und eine Tour mit dem amerikanischen Gitarrenhelden Jack White. Booker ist nicht nur ein famoser Musiker, sondern auch ein gekonnter Geschichtenerzähler mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, der sich durchaus wichtiger Themen des Zusammenhalts und der Zwischenmenschlichkeit widmet.

Musikalischer Wandel
Dieses Talent forcierte er letzten Frühling auf dem Albumnachfolger „Witness“, der eine musikalische Kehrtwende zur mehr Düsternis und Reife vollzog und so manchen Fan der ersten Stunde überraschte. „Ich habe schon seit einigen Jahren keinen Blues mehr gehört und rücke immer mehr davon ab. Das dritte Album wird wohl überhaupt nichts mehr damit zu tun haben. Ein guter Song ist ein guter Song – völlig egal, wonach er klingt oder in welchem Genre er verhaftet ist. Wichtig ist, dass er dich emotional kickt und berührt. Das kann ein Riff sein, ein Trommelschlag oder eine bestimmte Textzeile. Dieses Gefühl lässt sich ohnehin nicht rational erklären.“

Bookers musikalische Rastlosigkeit liegt vielleicht auch in seinem nomadenhaften Leben begründet. Geboren an der Ostküste in Virginia, zog er mit seiner Familie relativ früh nach Tampa in Florida. Dort entdeckte der Teenager die örtliche DIY-Punkszene und ließ sich vor allem von der Band This Bike Is A Pipe Bomb nachhaltig faszinieren. „Sie hatten einen Song namens ,Depression‘, an dessen Ende die Songzeile ,depression ain’t so bad, look what it did for Robert Johnson‘ stand. Der Song sprach jede Faser meines Körpers an und schon am nächsten Tag nach dem Konzert war ich im örtlichen Plattenladen, um dem Typen gleich eine Doppel-CD abzukaufen.“

Prägende Erlebnisse
Auf der University Of Gainesville in Florida studierte er dann Journalismus, um eine Karriere als Musikjournalist zu starten. „Ich hatte bei einigen renommierten Magazinen Praktika und habe unzählige Bewerbungen ausgeschickt, aber so ganz wollte es nicht klappen. Das lag mitunter aber auch an meinem Zugang zu diesem Job. Ich interessierte mich eher für die Technik, die Gitarren, die Pedals und die Effekte und nicht so sehr um die Personen und ihre Geschichten. Aus all dem habe ich aber viel für mich und meine Musikerkarriere gelernt und im Prinzip wurde ich in dieser Zeit darin bestätigt, selbst Musiker sein zu wollen.“ Nach der Uni übersiedelte Booker nach New Orleans, wo er erste Livekonzerte spielte und sein herausragendes Debütalbum zimmerte.

Die Blues-durchtränkte Stadt in der Nähe des Mississippi nahm den Künstler aber mehr ein, als ihm lieb war. „Es war einfach kein guter Ort für mich. Ich habe lange nichts gearbeitet, bin nur herumgehangen, habe zu viel Party gemacht und wurde am Ende sogar in eine Scheißerei verwickelt. Ich war zu einer Dinner-Party des berühmten Musikautoren Michael Azzerad geladen und als ich mit dem Rad dorthin fuhr, stoppte ein Auto und es wurde auf mich geschossen. Es war nichts Persönliches, aber ein guter Grund für mich, die Stadt zu verlassen.“

Den Künstler gefunden
Booker versank in New Orleans im Alkohol und spürte, dass er dringend aus der Spirale des Untergangs herauskommen müsse. „Hätte ich das nicht gemacht, dann wäre ich heute wahrscheinlich gar nicht mehr hier.“ Um nachhaltig auszubrechen, musste Booker das Land verlassen und landete in New Mexico. „Ich habe dort ein paar Monate vor dem Umzug ein Festival gespielt und kannte noch ein paar Leute. Die Stadt ist als sehr gefährlich verschrien, weshalb es gar nicht so viele Touristen gibt. Es herrscht dort eine große künstlerische Ader und kreativ gesehen ist die Stadt ein Schmelztiegel. Ich hatte dort keine Familie und keine guten Freunde und musste aktiv etwas tun, um dort nicht zu versinken. Ich flanierte durch die Gegend, besuchte Parks und Museen und fand schlussendlich den Künstler in mir, der ich immer sein wollte. Erst durch diese Erfahrungen konnte ich ,Witness‘ schreiben.“

„Witness“ war nicht nur ein Befreiungsschlag für den Künstler, sondern auch ein Statement gegen seine innere Sperre. Nachgeben oder zurückweichen waren keine Option, grenzenlose Ehrlichkeit und Offenheit oberste Maxime. „Ich habe im Gegensatz zum Debüt fast gänzlich auf Metaphern verzichtet, um klar Position zu beziehen. Ich habe viel Zeit darauf verwendet, die Texte so runter zu brechen, dass sie eine simple und sehr klare Aussage haben.“ Im Endeffekt ist das Album eine Momentaufnahme über viele Probleme, die in den USA gerade grassieren. So zielt der Titeltrack etwa gegen die Polizeibrutalität gegenüber Schwarzen ab und bringt den Rassismus im Allgemeinen relativ deutlich auf den Punkt. „Ich stellte mir irgendwann die Frage, ob ich später in meinem Leben darüber glücklich sein würde, nur als Entertainer auf der Bühne herumzuspringen, oder ob ich den Menschen eine Botschaft mitgeben will, in denen sie vielleicht ihr eigenes Leben erkennen. Im Großen und Ganzen geht das Album von den wilden Phasen meines Lebens hin zur großen Veränderung, die mich hoffentlich zu einem besseren Menschen gemacht haben – und greift auch Alltagsprobleme in Amerika auf.“

Nächstes Album geplant
Die Vielseitigkeit will sich Booker für die Zukunft bewahren. „Wenn ich mir Musiker wie Tom Waits ansehe, die sich im Kreativbereich immer austobten und veränderten, dann hat das durchaus etwas Nachahmenswertes für mich. Er hat nicht auf die Einflüsterer von außen gehört, sondern immer experimentiert, um den Platz zu finden, auf dem er sich wohlfühlt.“ Wo auch immer es Benjamin Booker klanglich hintreibt, es wird unter Garantie musikalisch spannend und lyrisch interessant umgesetzt sein. „Ich werde meine musikalische Ausrichtung weiterhin fundamental verändern. Möglicherweise schaffe ich es noch heuer, das dritte Album zu veröffentlichen.“

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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