Fr, 15. Dezember 2017

Geheimnis gelüftet?

16.06.2009 10:31

Kreisgrabenanlagen dienten wohl als Kalender

Wenn Archäologen vorerst unerklärliche Dinge ausgraben, wird diesen gerne "religiöser oder kultischer Ursprung" unterstellt, witzeln Kritiker der Altertumsforscher. Wenigstens für einige der rund 50 sogenannten Kreisgrabenanlagen in Niederösterreich (im Bild jene von Glaubendorf im Weinviertel) vermutet ein Team von Archäologen und Astronomen der Universität Wien nun handfestere Zwecke: Es könnte sich schlicht um riesige Kalender gehandelt haben.

Die Kreisgrabenanlagen aus der mittleren Jungsteinzeit gehören zu Europas ältesten Monumentalbauten. Sie wurden zwischen 4.800 und 4.500 v. Chr. erbaut und genutzt. Bereits 2004 fand Archäologe Wolfgang Neubauer (Uni Wien) unter anderem mittels Luftbild- und Magnetuntersuchungen heraus, dass die Tore der Anlagen auf die Messung von Sommer- und Wintersonnenwende ausgerichtet sind.

Über die interdisziplinäre Forschungsplattform Archäologie (VIAS) und in Zusammenarbeit mit dem Astronomen Georg Zotti hat sich der Verdacht nun bestätigt. "Einige der Bauten dienten offenbar als Sonnen- bzw. Sternenkalender", so die Wissenschafter. In einem laufenden Projekt des Wissenschaftsfonds FWF sollen nun alle bekannten Kreisgrabenanlagen im Hinblick auf diese Kalenderfunktion archäoastronomisch untersucht werden.

2.000 Jahre älter als Stonehenge
Zur Zeit der mittelneolithischen Kreisgrabenanlagen in Niederösterreich steckte Stonehenge noch in den Kinderschuhen: Die komplexen, von einem tiefen Graben umgebenen Monumentalbauten wurden rund 2.000 Jahre vor dem berühmten britischen Steinkreis errichtet. Allerdings verwendeten die Baumeister für die Kreisgrabenanlagen mit Holz ein vergängliches Material.

Mittels Luftbildauswertung und Messungen von feinsten Abweichungen des natürlichen Magnetfeldes - sogenannte magnetische Prospektion - konnten die längst verwischten Spuren ausfindig gemacht und in Computersimulaltionen wenigstens virtuell wieder hergestellt werden. In einem zweiten Schritt wurde auch der Sternenhimmel vor 6.500 Jahren simuliert und die Anlagen damit verglichen. Es bestätigte sich, dass die Kreisgrabenanlagen jedenfalls zum Teil als eine Art steinzeitlicher Kalender dienten.

Auf den ersten Blick schienen die Ausrichtungen der Anlagen eher chaotisch. Erst die Anpassung an den sich im Laufe der Jahrhunderte verändernden Sternenhimmel bestätigte die Kalender-Hypothese. Im Vorfeld des Projekts wurden bereits 28 Anlagen untersucht und dabei überraschend signifikante Übereinstimmungen gefunden: "Bei etwa einem Drittel der Bauten weisen jeweils zwei Tore in die exakt gleiche Richtung", erklärte Zotti.

Kalender für termingerechte Aussaat
Für einige der Anlagen konnten mittlerweile weitere Analysen und Vergleiche angestellt werden. So markiert jeweils eines der Tore den Aufgang des Siebengestirns (Plejaden), das andere den fast gleichzeitigen Untergang des Sterns Antares. Kalendarisch interessant ist dieses Ereignis vor allem als sogenannter "heliakischer Aufgang" am frühen Morgen wenige Tage nach Frühlingsbeginn. Diese Kalenderfunktion könnte etwa für die termingerechte Aussaat eingesetzt worden sein.

Die Bauten dürften aber auch für soziale und/oder religiöse Zwecke genutzt worden sein, etwa als Platz für Versammlungen oder Wettkämpfe, Übergangs- und Initiationsrituale oder bestimmte Feste im Jahreskreis. Dafür spricht, dass zwischen 4.800 und 4.500 v. Chr. jede Siedlung in Niederösterreich eine Kreisgrabenanlage ihr Eigen nannte, vergleichbar mit heutigen Kirchen oder Vereinshäusern.

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