Fr, 27. April 2018

'Bilderschriftsteller'

15.05.2009 15:51

Paul Flora 86-jährig gestorben

Die Schwarzen Raben waren sein Markenzeichen und "Wappentier" - nun sind sie für immer davongeflogen. Der bekannte österreichische Zeichner und Karikaturist Paul Flora ist am Freitag in einem Innsbrucker Krankenhaus im Kreise seiner Familie 86-jährig gestorben. In den 60er Jahren einer der gefragtesten Illustratoren, unter anderem für die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", konzentrierte er sich nach seinem Rückzug von der publizistischen Bühne ausschließlich auf seine zeichnerische Arbeit. Tiroler, Hexen, Katzen und eben spitzschnabelige Raben kennzeichneten Floras zeichnerische Studien menschlichen Verhaltens, lyrische Landschaften sein Spätwerk. Flora war bis ins hohe Alter aktiv.

Flora wurde am 29. Juni 1922 in Glurns im Vinschgau in Südtirol geboren. Im Alter von sechs Jahren übersiedelte seine Familie nach Innsbruck, wo er "inmitten von sechs Geschwistern aufwuchs, eher hastig und beiläufig erzogen wurde, ein schwieriges Kind war und mehrere interessante Komplexe bekam, welche seither meine Geschäftsgrundlage bilden", sagte der Tiroler Zeichner selbst über seine Kindheit. Flora maturierte 1942 in der Tiroler Landeshauptstadt und schrieb sich an der Münchner Akademie ein. Während des zweijährigen Kriegsdienstes wurde er in Kaplitz im Böhmerwald von den Amerikanern gefangen genommen, und kehrte Ende Mai 1945 nach Innsbruck zurück. Seit 2002 ist er Ehrenbürger der Stadt.

"Denker und Grübler unter den Karikaturisten"
Im Herbst 1945 hatte er seine erste Ausstellung in Bern. Noch im selben Jahr zeigte er im Tiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck seine Werke. Ab 1953 begann die Zusammenarbeit mit dem Zürcher Diogenes Verlag und wenig später mit "Die Zeit". Dort wurden in vierzehn Jahren über 3.000 seiner Zeichnungen veröffentlicht. Neben politischen Karikaturen entstanden auch zahlreiche Bildbände, die Flora als Satiriker und humorigen Zeichner bekanntmachten. Erich Kästner nannte Flora einmal einen "Bilderschriftsteller", Friedrich Dürrenmatt bezeichnete ihn als "den Denker und Grübler unter den Karikaturisten." Er selbst sagte, ihn "interessieren eigentlich am meisten Sachen, die es gar nicht gibt, die ich mir ausdenke."

Faible für alles Makabre und Hintergründige
Sein Faible für alles Makabre und Hintergründige hat Paul Flora, dessen Vorbilder Alfred Kubin, Henri Matisse, Pablo Picasso und Oskar Kokoschka sind, bereits als Vierzehnjähriger entwickelt. Neben den knorrigen Tirolern haben es Flora in seinen Zeichnungen auch die Figuren der Commedia dell'arte, Gartenzwerge oder Raben angetan. Er wurde nicht müde, ständig neue kleine Bildgeschichten über diese Figuren zu erfinden. Aus dem Blickwinkel des messerscharfen Beobachters hält er in seinen Feder- und Bleistiftzeichnungen das Wesen menschlicher Verhaltensweisen fest. Floras liebstes Werkzeug war die Tuschfeder, der reine Strich seiner fein ziselierten Zeichnungen wurde zu einem unverwechselbaren Stil.

"Fantastische Realitäten, Surrealitäten und Irrealitäten"
Im Alter von 82 Jahren erhielt Flora das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Floras "liebenswürdige Art, aus einem fein gesponnenen Netzwerk von Stahlfederstrichen fantastische Realitäten, Surrealitäten und Irrealitäten entstehen zu lassen", habe ein unverwechselbares Werk entstehen lassen, "dem trotz aller Schärfe nie Boshaftigkeit, Zynismus oder Bösartigkeit eigen ist", hieß es damals in der Begründung. Zwei Jahre zuvor hatte die Tiroler Landesregierung anlässlich des 80. Geburtstages des Künstlers den mit 10.000 Euro dotierten Paul Flora-Preis ins Leben gerufen. Die jährliche Wahl nahm Flora stets persönlich vor.

Asteroid "Paul Flora" zieht weiterhin seine Bahnen
Erst anlässlich seines 85. Geburtstags 2007 waren umfangreiche Ausstellungen seiner Werke in Innsbruck, Feldkirch, Hamburg, Zürich und Salzburg zu sehen, im Diogenes Verlag (wo rund 30 eigene Bücher Floras herausgekommen sind) erschienen zwei Bücher mit Erinnerungen und den besten Zeichnungen des Künstlers. Außerdem wurde ein 1996 entdeckter und jahrelang beobachteter Asteroid, dessen Bahn zwischen jener der Planeten Mars und Jupiter verläuft, mit dem Namen "Paul Flora" bedacht.

"Melancholischer Künstler" und "Tiroler Patriot"
Als "melancholischer Künstler, der es wie kaum ein zweiter verstand Stimmungen wiederzugeben", würdigte Kulturministerin Claudia Schmied am Freitag via Aussendung den verstorbenen Zeichner. "Seine Ironie war nie verletzend, sondern wegweisend hin zur Erkenntnis. Keine Nation, kein Staat kann ihn für sich vereinnahmen und dennoch sehe ich in ihm einen großen österreichischen Künstler."

"Mit großer Betroffenheit" reagierte auch Tirols Landeshauptmann Günther Platter. Flora hätte "mit seiner spitzen Feder nicht nur das Bild von Tirol in der Welt wesentlich mitgeprägt, sondern auch die Tiroler immer wieder angeregt, über sich selbst zu schmunzeln". Auch Südtirols Landshauptmann Luis Durnwalder würdigte Flora als "einen der ganz Großen seiner Generation".

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