So, 22. Oktober 2017

Ein Bart im Kornfeld

11.05.2009 02:05

Ray LaMontagne: „Gossip In The Grain“

Für Folkmusiker gehört es sich, stets Naturverbundenheit zu zeigen und in einem guten Song das richtige Mischverhältnis zwischen Melancholie, Humor und Sehnsucht zu dosieren. Der US-Amerikaner Ray LaMontagne zeigt auf seinem dritten Album "Gossip In The Grain", dass er in dieser Kunst der Liederherstellung auf dem besten Weg zum Meister ist.

LaMontagnes Werdegang erstreckt sich vom Arbeiter mit 65-Stunden-Woche in einer Schuhfabrik im US-Bundesstaat Maine über etliche Wanderjahre als Solo-Musiker und Tischler im Nebenjob bis zu seiner Entdeckung durch den Produzenten Ethan Johns im Jahr 2003. Mit seinen ersten beiden Alben "Trouble" und "Till The Sun Turns Back" hat sich der einfühlsame Songwriter einen Namen als Folk-Musiker, der Tradition mit Moderne verbinden kann, erarbeitet.

Die Geschichte zum dritten Album "Gossip In The Grain" (etwa: "Tratsch im Kornfeld") beginnt mit LaMontagnes Umzug nach Phillips, Maine. In dem 990-Seelen-Ort bewohnt er mit Kind und Kegel ein Farmhaus, das einmal dem US-Autor Norman Mailer gehörte. Die Landschaft um Phillips prägen, anders als im übrigen "Waldstaat Maine", Wiesen und Getreidefelder. Die Ruhe und die unberührte Natur - Maine ist einer der wenigen US-Staaten, wo Bio-Landwirtschaft groß geschrieben wird - dürften LaMontagnes Stimmung beim Songschreiben gehoben haben. Das Album klingt frischer, hoffnungsvoller und fröhlicher als seine beiden ersten.

"You Are The Best Thing", der R'n'B-lastige Opener von "Gossip In The Grain", lässt LaMontagne zunächst fast als einen dem verrauchten Blues-Pub entschlüpften Crooner rüberkommen. Doch schon "Let It Be Me" holt den Zuhörer zurück aufs Land. Ukelele und Streicher auf "Sarah" kündigen ein zartes Lüftchen an, "I Still Care For You" klingt nach einer kühlen Vollmondnacht, "Winter Birds" nach Tiefschlaf - bis Ray LaMontagne am Ende mit "A Falling Through" und "Gossip In The Grain" das Bild vom Kornfeld perfekt vertont.

Die drei Songs davor wirken wie vom Rest des Albums entkoppelt und sind wohl als Kuriositäten gedacht, mit denen der öffentlichkeitsscheue "Einsiedler" LaMontagne seine Eigenwilligkeit und Ungebundenheit demonstriert: Eine Liebeserklärung an Meg White, die Schlagzeugerin der White Stripes, gibt's im gleichnamigen Song zum kräftigen Stampfen der Bassdrum. Auf "Hey Me, Hey Mama" grüßen plötzlich Südstaatenflair (Maine liegt im Norden) und Baumwollpflücker. "Henry Nearly Killed Me" holt zu den traditionellen Vergleichen mit Bob Dylan und Van Morrison noch Blueslegende John Lee Hooker mit ins große Vorbilder-Boot des Ray LaMontagne. Im Kornfeld sind illustre Gäste offenbar gern gesehen...

Fazit: "Gossip In The Grain" ist in den USA bereits im Oktober 2008 erschienen. Ein Glück für Europäer, dass die Platte hierzulande erst im Mai den Weg in die CD-Regale fand. Ray LaMontagne klingt mit diesem Album bei einem lauen Sommerabend auf der Terrasse einfach besser, als bei Minusgraden im Winter. Wer den bärtigen Herren noch nicht kennt, aber weiß, dass er Bob Dylan, Van Morrison und vielleicht auch noch James Blunt mag, der kann hier keinen Fehlgriff machen.

8,5 von 10 Tratschgeschichten aus dem Kornfeld

von Christoph Andert

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