Mo, 22. Jänner 2018

"Bin Sündenbock"

07.05.2009 13:17

Meinl gab Interview in London

Der gegen eine Kaution von 100 Millionen Euro aus der Untersuchungshaft entlassene Banker Julius Meinl V. hat sich während seines geheimnisvollen Auslandsaufenthaltes offensichtlich in Großbritannien aufgehalten. Dem "Daily Telegraph" gab er in dieser Zeit jedenfalls ein Interview. Er sagt darin, er habe nie fliehen wollen. Um den ramponierten Ruf seiner Familie wiederherzustellen, habe er in London ein Team von Rechtsanwälten zusammengestellt. Meinl erklärte der Zeitung außerdem, dass man in Österreich erst seit "zehn, fünfzehn Jahren" mit Aktien handle. Die Leute seien es daher gewohnt, dass sich ihr angelegtes Geld nur vermehre. "Und sie fanden es hart, als die Kurse abstürzten - das taten sie in der restlichen Welt auch."

"Sehe ich aus wie ein Mann, der vor seiner Verantwortung oder aus Österreich flieht? Ich werde jederzeit zurückkommen, wenn die Behörden mich sehen wollen. Ich werde nicht davonlaufen. Ich werde dafür kämpfen, den Namen meiner Familie wiederherzustellen", sagte der Banker im Interview.

In Österreich sei er mit allem, was mit dem Bankensektor falsch ist, in Zusammenhang gebracht worden. Er könne keinen Fuß vor die Türe seiner Wohnung mehr setzen, weil die öffentliche Meinung gegen ihn sei. Dabei habe er nichts Falsches getan, beklagt sich Meinl.

"Britischer Bürger" Meinl
Laut dem Zeitungsbericht sieht sich der Banker als Brite, obwohl er in Österreich geboren, in der Schweiz erzogen worden sei und in den USA gearbeitet habe, bevor er 1983 Chef der Bank geworden sei. Meinl habe die kleine Bank zu einem wichtigen Player in den sich entwickelnden Volkswirtschaften in Osteuropa gemacht. Nun sage Meinl, er sei zum Sündenbock für Österreichs Wirtschaftskrise gemacht worden, so der "Daily Telegraph".

"Vor fünf Jahren kannten die Aktienkurse nur eine Richtung, aufwärts, und Aktienbesitzer verdoppelten ihr Geld. Als sie abwärts gingen, wie auch im Rest der Banken- und Immobilienwelt, wurde ich dafür verantwortlich gemacht", so Meinl. Rund 60.000 Österreicher hätten durch die Kursverluste der Immobiliengesellschaft Geld verloren, schreibt die Zeitung.

Star-Anwälte sollen Namen reinwaschen
In London hat Meinl laut dem Bericht ein hochrangiges Rechtsanwaltsteam zusammengestellt, das seinen Kampf zur Reinwaschung seines Namens anführen und versuchen soll, seinen Ruf wiederherzustellen. Mit dabei sei auch James Lewis, der führende europäische Haftrechtsexperte.

Die Rekordhöhe der Kaution - 100 Millionen Euro mussten bei Gericht hinterlegt werden - erklärt sich Meinl damit, weil in der Liste der Reichsten das Vermögen seiner Familie mit zwei Milliarden Euro angegeben wird. "Die Liste war natürlich falsch, aber offensichtlich weil ich sie nicht angefochten habe, haben sie entschieden, dass sie richtig sein muss." Der Staatsanwalt habe auch gesagt, weil er eine Pilotenlizenz habe, gebe es das Risiko, dass er aus dem Land fliehen könnte.

Ermittlungen wegen "Affäre MEL"
Gegen Julius Meinl wird von der Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Untreue und Betrug in der Affäre rund um "Meinl European Land" ermittelt, es gilt die Unschuldsvermutung. Nach zwei Nächten in Untersuchungshaft Anfang April war der Banker gegen die von ihm innerhalb einer Stunde aufgebrachte 100-Millionen-Euro-Kaution sowie gegen weitere Auflagen auf freien Fuß gesetzt worden.

Kritik an fehlerhaftem "Vorgutachten"
Indes hat Julius Meinl ein Exemplar jenes 25-seitigen, als Vorgutachten bezeichneten Dokuments erhalten, das die wesentlichen Gründe für die Festnahme und die Verhängung der Untersuchungshaft enthält. Wie ein Meinl-Sprecher am Donnerstag mitteilte, enthalte das vom Sachverständigen Thomas Havranek in sechsmonatiger Arbeit verfasste Vorgutachten nach erster Durchsicht zumindest 72 nachweislich unrichtige Fakten und Behauptungen. Darüber hinaus enthalte das Vorgutachten zahlreiche rechtliche und sonstige Wertungen, gebe keinerlei Beweise an, sondern berufe sich nur ganz allgemein auf gesichtete Dokumente und gehe auf von den Beschuldigten vorgebrachte Argumente und Beweismaterialien in keinster Weise ein.

Julius Meinl und andere Beschuldigte haben vor etwa knapp einem Monat einen Ablehnungsantrag gegen den Sachverständigen Havranek wegen Befangenheit und mangelnder Qualifikation - Havranek ist für die Themenbereiche Bürowesen, eingeschränkt auf Sicherheitsmanagement, Compliance und Corporate Governance, sowie Steuerwesen befähigt - gestellt; dieser wurde von der Staatsanwaltschaft ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Die Anwälte von Julius Meinl erarbeiteten derzeit eine Richtigstellung, dieser würden im Gegensatz zum Vorgutachten auch unzweifelhafte Beweismittel beigefügt, so der Meinl-Sprecher weiter.

Das könnte Sie auch interessieren
Kommentar schreiben

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Für den Newsletter anmelden