Mi, 22. November 2017

Keine Einsicht

27.11.2008 09:31

Kohl zeigt wenig Verständnis für Strafausmaß

Bernhard Kohl zeigt weiter kein Verständnis dafür, dass sein Doping-Geständnis keine Verringerung der Sperre bewirkt hat. "Ich bin aufgrund der Sperrdauer von zwei Jahren sehr enttäuscht. Ich habe sämtliche, mir bekannten Berührungspunkte meinerseits mit Doping vor der Kommission ausgesagt", betont der Wolkersdorfer (Bezirk Mistelbach) auf seiner Homepage. Gernot Schaar, Vorsitzender der NADA-Rechtskommission, der Kohl zur Höchststrafe verurteilte, widersprach und wies am Mittwoch noch einmal darauf hin, dass eine Herabsetzung der Sperre nur "bei wesentlicher Unterstützung in der Aufdeckung von Vergehen" vorgenommen werden kann.

Eine Herabsetzung der Sperre im Falle eines Geständnisses oder bei Reue sei im WADA-Regelwerk nicht vorgesehen. "Er hat lediglich die ohnehin schon bekannten Tatsachen gestanden", so Schaar. "Wenn mir jemand erklären will, dass der Arzt von dem man das Dopingmittel erhalten hat, keine Person ist, die zur Aufklärung vorliegenden Dopingfalles relevant ist - da soll sich jeder seine eigene Meinung bilden", betonte der Wiener Jurist.

Kohl: "Habe sehr wohl Namen genannt"
Er habe Kohl die relevante Passage zur "Kronzeugenregelung" im Reglement der Welt-Anti-Doping-Agentur vorgetragen. Kohl meinte hinsichtlich der Herkunft des Dopingmittels jedoch lediglich, das verschreibungspflichtige Medikament "Mircera" von einem Arzt erhalten zu haben. Geschlecht, Namen, Adresse des Mediziners und weitere Hintergründe blieb der Radprofi schuldig. Kohl sieht das anders, der Vorwurf, "keine Namen und Hintermänner" genannt zu haben, sei "definitiv falsch. Ich habe sehr wohl Namen genannt."

Weiters führte Kohl aus, dass er in den vergangenen Tagen "vor verschiedenen Gremien und Behörden" aussagen habe müssen. Diese Aussage könnten auch im Zusammenhang mit "Angaben zu den in Deutschland anhängigen Ermittlungen gegen das Radrennteam T-Mobile" stehen, die Kohl laut Schaar vor der Kommission getätigt hat. Diese Angaben hätten jedoch mit dem aktuellen Fall nichts zu tun und können gleichfalls zu keiner Reduktion der Sperre führen, so der Jurist.

Das Vernehmungsprotokoll der Kohl-Verhandlung vor der NADA, das laut Schaar bei "entsprechenden Recherchemöglichkeiten dazu führen könnten, Namen zu ermitteln", werde in den nächsten Tagen an die zuständigen österreichischen Behörden weitergeleitet.

Sportliche Zukunft steht in den Sternen
Die sportliche Zukunft des Wolkersdorfers bleibt hingegen vorläufig ungewiss. Er habe "zum heutigen Tage noch keine Vorstellung", ob er nach Ablauf der Sperre am 3. Juli 2010 noch einmal in den Wettkampfsport zurückkehren werde, erklärte der Niederösterreicher via Homepage. Zunächst gelte es, das schriftliche Urteil der Rechtskommission abzuwarten. Danach steht für den Radprofi mit dem Einspruch bei der Unabhängigen Schiedskommission und danach der Gang zum Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne zwei weitere Instanzen offen.

Kohls Anwalt Siegfried Fröhlich behält sich weitere Schritte vor. "Noch ist alles offen", so der der Jurist, der darauf hinwies, das auf seine 30 A4-Seiten an Argumenten bei der Urteilsfindung, die nach weniger als einer halben Stunde Beratung erfolgte, nicht eingegangen wurde. "Ich denke nicht, dass das Urteil sachgemäß ist. Ich muss sagen, ich erwarte das schriftliche Urteil mit großer Spannung", sagte Fröhlich am Mittwoch.

Das dicke Ende kommt noch
Kohl stehen jedenfalls schwierige Zeiten bevor, denn die zweijährige Sperre ist noch lange nicht das Ende der Causa. Gegen Kohl liegt auch eine Anzeige wegen Betrugs vor, und Hans-Michael Holczer, der Manager des sich auflösenden Gerolsteiner-Teams, überlegt die Einleitung rechtlicher Schritte. Außerdem wird der 26-Jährige vermutlich Anfang 2009 von einem Gericht in Frankreich befragt werden.

Während dopende Sportler in Österreich strafrechtlich nicht verfolgt werden, sind die Gesetze in Frankreich anders. Der Italiener Riccardo Ricco, der ebenfalls während der Tour de France positive Dopingtests abgegeben hat, ist bereits von einem Gericht in Foix befragt worden. Kohl musste sich auch von dem Gedanken trennen, dass das Gerolsteiner-Team Gras über die Sache wachsen lässt. Holczer hat angekündigt, eventuell auf Schadenersatzansprüche zu verzichten, wenn Kohl Hintermänner nennt: "Ich hatte mit Kohl vor vier Wochen eine Unterredung in Stuttgart. Er hat mich informiert, ich habe einem von ihm angestrebten Auflösungsvertrag nicht zugestimmt. Ich habe in groben Zügen geahnt, was von ihm kommen wird. Da müsste von ihm aber eindeutig mehr kommen. Nun behalte ich mir rechtliche Schritte vor", so Holczer.

Sportlich am Ende
Die Sperre von Kohl beläuft sich auf zwei Jahre, halten sich die Pro-Tour-Teams aber an den Ehrenkodex, so wird er vier Jahre lang keinen Vertrag mehr in der obersten Radsport-Liga bekommen. "Der Ehrenkodex besagt, dass, wer zu einer Zweijahressperre verurteilt wurde, für weitere zwei Jahre nicht von einem Pro-Tour- oder Wildcard-Team verpflichtet wird. Liquidas hat mit der Verpflichtung von Ivan Basso dagegen verstoßen und ist aus der Vereinigung ausgeschlossen worden. Es geht um Ehre und Charakter, der Großteil der Teams hält sich daran", erklärte Holczer, der glaubt, dass Kohl aus diesem Grund auch gehofft hatte, mit einer kürzeren Sperre davonzukommen.

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