Sa, 18. November 2017

Das 8. Weltwunder

13.11.2008 14:34

Ice Cube: „Raw Footage“

Wo all die Bushidos und Sidos ohne ihn wären, ist fraglich: Als Teil der legendären Rap-Kombo "N.W.A." hat O'Shea Jackson, besser bekannt als Ice Cube, das Genre des Gangsta-Rap salonfähig gemacht. Über 20 Jahre später spielt der inzwischen auch in Hollywood gern gesehene Rapper musikalisch noch immer ganz weit vorne mit, wie er mit seinem neuen Album "Raw Footage", auf dem er sich inhaltlich reifer und kritischer denn je präsentiert, eindrucksvoll unter Beweis stellt.

So ganz ohne Selbstbeweihräucherung und großspurige Töne geht es dann aber auch auf "Raw Footage" nicht. Nach einem kurzen Intro offenbart Ice der Hörerschaft seinen, wie er es nennt, "pyroklastischen Flow": Gemeinsam mit Young Jeezy zieht das West-Coast-Original zu satten Synthiebässen und den guten alten Roland-808-Drumsounds eine Egoshow ab, die nur noch vom folgenden "It takes a nation" getoppt wird. "Es gibt sieben Wunder auf der Welt, werdet Zeuge des achten", rappt Ice Cube großkotzig als Ein-Mann-Armee über einen im Vergleich zum Vorgängertitel jedoch eher schwachbrüstigen Beat gegen den Rest der Welt.

Mit "Gangsta Rap made me do it", einem der inhaltlich stärksten Songs des Albums, folgt dann Cubes polemische Abrechnung mit all jenen, die Gangsta Rap auch noch im Jahre 2008 für Verbrechen aller Art, Armut, Hunger, Krieg und die Schlechtigkeit der Welt ganz allgemein verantwortlich machen. "If I shoot up your college ain't nothin' to it gangsta rap made me do it", sinniert Cube da über Maestros bouncenden Piano-Beat, der auch direkt aus der Feder von Altmeister Dre stammen könnte. Inhaltlich noch einmal aufgegriffen wird das Gangsta-Rap-Thema wenig später auf "Thank God", das die hohen Herren höchstpersönlich für den Gangsta Rap verantwortlich macht. Denn: Würde es all die Missstände auf der Welt nicht geben, hätte Cube auch keinen Grund darüber zu rappen.

Dass manche Probleme allerdings auch hausgemacht sind, macht der US-Rapper der afroamerikanischen Community und nicht auch zuletzt sich selbst auf "Hood Mentality" zum Vorwurf: Als Mister Kontrovers sei er anfangs "blutdurstig" gewesen, was ihm heute Leid tue. Er hätte seinen Arsch wohl lieber auf die Uni von Berkeley schleppen sollen, wettert Ice gegen die Idealisierung des Ghetto-Lebens, ehe er auf "Why me?" zusammen mit Musiq-Soulchild zu entspannten Streicherklängen Aufklärungsunterricht in Sachen Gewalt betreibt, indem er einen Mord aus Sicht eines unschuldigen Opfers schildert. Komplettiert wird Ice Cubes lyrische Protestkundgebung schließlich mit "Get money, send money, no money" - einem düster vor sich hin rollendem Song, der die Bling-Bling-Attitüde der Rap-Kollegenschaft kritisiert.

Nach solch hartem Tobak wendet sich Ice Cube mit Songs wie "Do ya thang", "Here he come" oder der gemeinsam mit WC sowie The Game eingerappten Westcoast-Hymne "Get use to it" wieder gewohnter und party-tauglicherer Materie zu. Mit dem eingängigen "Tomorrow", dem auf Curtis Mayfields "Diamond in the back" basierendem "Stand tall" sowie dem Kopfnicker-Alarm verbreitenden "Take Me Away" meldet sich Cube schließlich noch einmal wortgewaltig zurück. Den würdigen Abschluss bilden die beiden Bonus-Songs Nummer 17 und 18, "Don't make me hurt ya feelings" und das mit funkigen Bläsern nach vorn gehende "Believe it or not".

Kaum zu glauben ist auch, dass Ice Cube auch nach über 20 Jahren im Geschäft und diversen Abstechern ins Filmgeschäft noch lange nicht zum alten Rap-Eisen gehört. Auf "Raw Footage" gibt sich das Comptoner Schwergewicht musikalisch und inhaltlich abwechslungsreicher denn je. Den Spagat zwischen klischeehaften Gangster-Attitüden einerseits, und anspruchsvoll kritischen Texten andererseits meistert der Kalifornier dabei gekonnt, bleibt aber unverkennbar er selbst. Großes Rap-Kino, nicht nur für Fans.

Fazit: 8 von 10 Punkten mit Attitüde

von Sebastian Räuchle

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