Mo, 20. November 2017

Gegen die Wand

12.11.2008 12:08

Mord und versuchter Selbstmord oder Unfall

Der Tod einer 26-jährigen Frau nach einem vermeintlichen Autounfall ist am Dienstag im Mittelpunkt eines Prozesses im Landesgericht Steyr gestanden. Auf der Anklagebank saß der Witwer, der bei dem Crash den Wagen gelenkt hatte und selbst schwer verletzt worden war. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, absichtlich gegen eine Mauer gefahren zu sein und spricht von Mord und versuchtem Selbstmord. Motiv sollen Eheprobleme gewesen sein. Ein Urteil wird für Mittwoch erwartet.

Der Angeklagte war am 27. Februar in St. Florian im Bezirk Linz-Land mit seinem Wagen gegen eine Hausmauer gekracht. Seine Frau, die am Beifahrersitz gesessen war, starb einen Tag später im Spital, der Mann wurde schwer verletzt und lag eine Woche lang im künstlichen Tiefschlaf. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er mit dem Frontalcrash sich und seine Frau töten wollte. Bargeld und eine Versicherungspolizze, die offen auf dem Wohnzimmertisch gelegen seien, eine Entschuldigungs-SMS an einen Freund und ein Besuch bei seiner Mutter eine halbe Stunde vor dem Unfall wertet die Anklage als Indizien für einen geplanten Selbstmord.

Bremsspur spricht gegen Selbstmord
"Das wäre der eigenartigste Selbstmord der Geschichte" hielt Verteidiger Andreas Mauhart entgegen. Sein Mandant sei zwar mit 100 statt den vorgeschriebenen 50 km/h unterwegs gewesen, es gebe aber eine 19 Meter lange Bremsspur. Die Airbags seien nicht abgeschaltet gewesen. Der Angeklagte sei ein "bemitleidenswertes Opfer", das heute selbst invalid sei.

Ehe mit Frau aus Sri Lanka war "Liebe und Zweckheirat"
Der 39-Jährige, der zum Prozess auf Krücken erschien, bekannte sich nicht schuldig. Eheprobleme räumte er durchaus ein: Er habe seine aus Sri Lanka stammende Frau 2005 kennengelernt und zwei Monate später geheiratet. "Es war eine Mischung aus Liebe und Zweckheirat", denn sie hätte sonst wieder nach Hause müssen. Die Liebe sei gewachsen, ab 2007 habe es aber Probleme gegeben: Seine Frau habe ein Auto zu Schrott gefahren und Spielschulden gemacht, schilderte er. Zudem habe man um die Haushaltspflichten gestritten. Im Februar 2008 sei er dahintergekommen, dass sie einen Freund habe.

Angeklagter kann sich nicht mehr erinnern
Einen Tag vor dem Unfall sei das Paar zu einem kurzen Wellnessurlaub aufgebrochen. Es habe eine "Aussprache" gegeben, seine Frau habe sich für ihn entschieden. Auf dem Heimweg sei nach einem kurzen Abstecher bei seiner Mutter der Unfall passiert. An den Hergang könne er sich nicht mehr erinnern, so der 39-Jährige. Er wisse nur mehr, dass ihm "irgendetwas Rotes" entgegengekommen sei.

Psychiater: "Erinnerungslücken nicht erklärbar"
Gegen Mittag war im Prozess der psychiatrische Gutachter am Wort. Er hält die angeblichen Erinnerungslücken des Angeklagten für "nicht erklärbar", denn der 39-Jährige habe weder ein Schädel-Hirn-Trauma noch Gehirnverletzungen erlitten. Ebenfalls "ungewöhnlich" sei, dass sich der Beschuldigte nach dem Unfall an mehr habe erinnern können als heute. "Normalerweise ist das umgekehrt, die Erinnerung kehrt schrittweise zurück."

Volle Zurechnungsfähigkeit
Der Gutachter bescheinigte dem Angeklagten "volle Zurechnungsfähigkeit". Die Bremsspuren am Unfallort, die der Verteidiger als Indiz gegen einen Selbstmord anführte, wundern den Psychiater hingegen nicht: Es komme häufig vor, dass sich Selbstmörder im letzten Moment entscheiden würden, es doch nicht zu tun, erklärte er.

Rätsel um Versicherungspolizze
Gegenstand der Zeugenbefragung war auch eine Versicherungspolizze, die nach dem Crash offen am Wohnzimmertisch gefunden wurde. Die Staatsanwaltschaft sieht darin einen Hinweis auf die Selbstmordabsicht des Angeklagten. Dieser erklärte die Polizze hingegen damit, dass ihn seine Mutter um eine Aufstellung seiner Versicherungen gebeten habe, was die Frau auch vor Gericht bestätigte. Dann habe er schlicht vergessen, das Dokument wegzuräumen, so der 39-Jährige. Der psychiatrische Gutachter allerdings hält es durchaus für möglich, dass der Angeklagte "vorher noch alles regeln wollte". Das entspreche seiner "übergenauen Persönlichkeitsstruktur", so der Experte.

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