Sa, 26. Mai 2018

Zilks letzte Reise

09.11.2008 18:41

Tausende nahmen Abschied von Helmut Zilk

Tief berührt haben am Samstag Tausende Menschen Abschied von Helmut Zilk genommen und Wiens Altbürgermeister auf seiner letzten Reise vom Stephansdom zum Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof begleitet. Zahlreiche Politiker, darunter Bundespräsident Heinz Fischer, Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Wiens Bürgermeister Michael Häupl und der frühere Präsident der Tschechoslowakei Vaclav Havel, würdigten Zilk in ihren Reden als Ausnahmepolitiker.
Helmut Zilks letzte Reise führte zunächst zum Wiener Wahrzeichen, dem Stephansdom: Der Sarg mit dem verstorbenen Bürgermeister wurde am Vormittag von einem Wagen der Bestattung Wien mit Polizeieskorte vom Rathaus zur Kirche gebracht. Am Riesentor erwarteten Witwe Dagmar Koller und die weiteren Familienmitglieder sowie Dompfarrer Toni Faber den Wagen. Sie geleiteten den Sarg in den vorderen Teil des Kirchenschiffs, wo der Verstorbene aufgebahrt wurde.

Auf berührende Weise nahm Dagmar Koller noch einmal Abschied von ihrem Gatten. Unter Tränen trat sie nach der Segnung durch Dompfarrer Toni Faber an Zilks Sarg und strich mehrmals über das Bahrtuch. "Die Liebe hört niemals auf. Immer Deine Dagmar", stand auf der Schleife eines Rosenbouquets zu Füßen des Sarges. 

Bilder von den Trauerfeierlichkeiten findest du in der Infobox!

Trauerakt im Rathaus
Zu Mittag fand der offizielle Trauerakt im Rathaus statt, zu dem mehr als 1.000 Gäste geladen waren. Als Redner ergriffen neben Bundespräsident Heinz Fischer und "Hausherr" Bürgermeister Michael Häupl auch Tschechiens ehemaliger Präsident Vaclav Havel und Ex-ORF-Intendant Gerd Bacher das Wort. Auch die Familie des Verstorbenen war anwesend.

"Österreich verdankt ihm sehr viel"
Mit den Worten "Österreich verdankt ihm sehr viel und Wien umso mehr" gedachte Bundespräsident Heinz Fischer dem verstorbenen Altbürgermeister. Der Tod Zilks habe im ganzen Land unglaubliche Betroffenheit ausgelöst. Der frühere SPÖ-Politiker sei zurecht als Ausnahmepolitiker, Brückenbauer und leidenschaftlicher Gestalter mit Volksnähe gelobt worden, sagte Fischer beim Trauerfestakt im Rathaus. Zilk habe Großes bewirkt, ohne auf die kleinen Sorgen zu vergessen: "Er konnte die Lust an der Kontroverse mit Streitkultur und Durchsetzungsvermögen mit Toleranz verbinden."

"Für Beziehung zu Tschechien sehr engagiert"
Das Engagement Zilks für die Kulturbeziehungen zwischen Österreich und der Tschechischen Republik hob Vaclav Havel in seiner Rede hervor. "Er war der Vorsitzende der Tschechisch-Österreichischen Gesellschaft und ist Ehrenbürger Prags." Außerdem habe der Altbürgermeister in der Zeit des Kommunismus auf verschiedene Weise die inländische Opposition der CSSR unterstützt. "Der Eiserne Vorhang konnte fallen, weil er von beiden Seiten angebohrt wurde", unterstrich der frühere Präsident. Zilk habe sich um das freie Leben von vielen Europäern verdient gemacht.

Häupl: "Habe meinen zweiten Vater verloren"
Die Bundeshauptstadt habe einen "Stadtvater" verloren, sagte Wiens Bürgermeister Michael Häupl. "Und mir persönlich geht es fast so, als hätte ich meinen zweiten Vater verloren." Der Tod des prominenten früheren SPÖ-Politikers bedeute einen großen Verlust für Wien, Österreich und Europa. Wenn man heute durch die Bundeshauptstadt gehe, sehe man überall Spuren von den Tätigkeiten und Leistungen Zilks, konstatierte der Bürgermeister. Diese würden von der Donauinsel über die Wohnbauoffensive und den U-Bahn-Ausbau bis hin zu kulturpolitischen Errungenschaften reichen. Er werde vor allem die vielen persönlichen Gespräche mit dem Altbürgermeister vermissen, bekundete das Stadtoberhaupt: "Und selbst wenn er zornig war, hat man seine Liebe gespürt, weil hinter seinem Zorn immer die Sorge gestanden ist."

Bacher würdigte Zilks Verdienste für das Fernsehen
Ex-ORF-Generalintendant Gerd Bacher würdigte Zilks Verdienste für das österreichische Fernsehen. Der Verstorbene sei ein fulminanter TV-Direktor gewesen: "Der weltweite Auftritt des ORF im Zuge des Prager Frühlings ist seinem Netzwerk in der damaligen Tschechoslowakei zu verdanken." Zudem seien die "Stadtgespräche", die Zilk bereits ab den frühen 1960er Jahren moderierte, "europäische Uraufführungen" gewesen, die so manchem "Bonzen" den Atem geraubt hätten.

Requiem im Stephansdom
Für das anschließende Requiem im Wiener Stephansdom hatten sich Tausende Menschen in der Kirche eingefunden, auch vor dem Dom verfolgten zahlreiche Zuseher das Geschehen auf einer Video-Leinwand mit. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer würdigte in eine Ansprache Zilk als eine Persönlichkeit, die von Liebe zu den Menschen geprägt war - obwohl diese beim Briefbomben-Attentat auf eine harte Probe gestellt worden sei. Zugleich verwies er darauf, dass vieles in den vergangenen Tagen schon ausgedrückt worden sei. Zilk sei demnach als Vater des modernen Wien oder als streitbarer Geist gewürdigt worden. Die Frage, die sich aber nun stelle, sei: "Was bleibt eigentlich in der Erinnerung der Nachwelt, was ist die moralische, die spirituelle Botschaft von Helmut Zilk?"

Laut Gusenbauer sei das vor allem der Umgang mit dem grausamen Attentat: "Er ist jener aufgeklärte und tolerante Mensch geblieben, der er vorher war." Es bedeute viel, "zu verzeihen, zu vergeben, zu versöhnen". Die Voraussetzung dafür sei "in der Tat die Liebe zu den Menschen". Gusenbauer erwähnte an dieser Stelle auch Zilks Engagement für die "seit Jahrtausenden umkämpfte" israelische Hauptstadt Jerusalem.

"Niemand hat ihn so geliebt wie sie"
Kardinal Christoph Schönborn, der das Requiem leitete, drückte in seiner Predigt vor allem der Witwe Dagmar Koller sein Mitgefühl aus: "Niemand hat ihn so geliebt wie sie." Wobei er, Schönborn, nie verstanden habe, warum es bei der Ehe heiße: "...bis das der Tod euch scheidet." Es stimme, dass der Tod schmerzlich trenne: "Aber hört denn die Liebe mit dem Tod auf? Die Liebe ist stärker als der Tod."

Abschied zu Walzerklängen
Musikalisch umrahmt wurde die Messe von den Wiener Symphonikern und der Wiener Dommusik mit Werken von Michael Haydn, Anton Bruckner, Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert. Der wohl berührendste Teil des Requiems kam ganz zum Schluss: Die Symphoniker spielten die inoffizielle Wiener Hymne, den von Johann Strauß komponierten Walzer "An der schönen blauen Donau". Zu diesen Klängen - und zu jenen der Pummerin - wurde der Sarg aus dem Dom getragen.

Ehrengrab am Zentralfriedhof
Von dort wurde der Sarg zum Zentralfriedhof gebracht, auf dem Helmut Zilk zur letzten Ruhe gebettet wurde. Der Sarg wurde dabei in einer Kutsche geführt, die von vier Pferden gezogen wurde. An der Spitze des Trauerzuges marschierte die Gardemusik des Bundesheeres. Zu beiden Seiten des Weges wurden von den zahlreich anwesenden Menschen Trauerfackeln entzündet, wodurch sich der Trauerzug dann durch ein Spalier aus Lichtern vorwärtsbewegte.

Beim Grab angekommen, das von vielen Blumenkränzen umgeben war, spielte die Garde zunächst die Österreichische Bundeshymne. Anschließend hielt Zilks Sohn Thomas eine sehr persönliche Grabrede: "Mein Vater hat alles, was er erreicht hat, aus eigener Kraft erreicht - durch Mut, Fleiß und ein Gefühl für Menschen", sagte er.

"Papa, ich hab dich sehr lieb"
Entgegen den vielen Berichte der letzten Tage habe Helmut Zilk nie poltern müssen, um sich Respekt zu verschaffen: "Er war bis zuletzt eine natürliche Autorität", so Zilk junior. Besondere Dankesworte widmete er Koller. Sie habe sich aufopfernd und auch in seinen schwersten Zeiten um den Altbürgermeister gekümmert. Am Ende seiner Rede schickte er seinem Vater einen letzten Gruß: "Papa, ich hab dich sehr lieb."

Nach der Einsegnung durch Kardinal Schönborn wurde der Verstorbene schließlich in das Grab hinab gelassen. Dieses befindet sich direkt an der "Hauptstraße" des Zentralfriedhofs, welche den Haupteingang mit der Lueger-Gedächtniskirche verbindet. Sie ist allein Ehrengräbern vorbehalten. Prominente Persönlichkeiten wie die Schauspielerlegenden Curd Jürgens oder Paul Hörbiger, der Komponist Arnold Schönberg oder der Kabarettist Karl Farkas sind hier ebenfalls begraben. Unter dem Geläut der "Großen Sterbeglocke" des dominanten Kirchenbauwerks endeten die Begräbnisfeierlichkeiten.

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