Di, 22. Mai 2018

Der Wahltag

28.09.2008 20:38

Der Wahltag bei den Spitzenpolitikern

Österreich hat gewählt - nach zwei Jahren Großer Koalition sind die Karten neu gemischt worden. Exakt 6.332.931 Österreicher waren wahlberechtigt - wegen der Senkung des Wahlalters waren es heuer um rund drei Prozent mehr als letztes Mal. Selbstverständlich haben auch die Spitzenkandidaten in einem der rund 13.000 Sprengelwahllokale von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht. So ist der Wahltag für die Spitzenpolitiker verlaufen:

Bevor sich ihre politische Zukunft entschied, versuchten die meisten Spitzenkandidaten der Nationalratswahl am Sonntag zunächst einmal zu entspannen. Das Relax-Programm sah dabei bei jedem etwas anders aus: SPÖ-Parteiobmann Werner Faymann traf sich mit seinem Bezirkswahlkreis, ÖVP-Spitzenkandidat Wilhelm Molterer ging zum Stammtisch, Grünen-Chef Alexander Van der Bellen machte einen Spaziergang im Wiener Wald, FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache brachte den Vormittag mit seinen Kindern und BZÖ-Spitzenkandidat Jörg Haider setzte auf Sport und rannte.

SPÖ-Chef Werner Faymann hatte es Sonntag früh besonders eilig, in den Wahltag zu starten. Sogar zehn Minuten früher als geplant schritt er um 7.50 Uhr in sein Wahllokal in Wien-Liesing. Begleitet wurde Faymann von seiner Ehefrau Martina, die er nach der Stimmabgabe auch fotowirksam herzte und küsste. Der SPÖ-Chef zeigte sich optimistisch bezüglich des Ausgangs der Wahl, habe es doch während der Kampagne eine immer positivere Resonanz gegeben. Deshalb habe er auch ein "recht positives Gefühl". Dementsprechend sei sein Schlaf auch ein guter gewesen. Konkrete Einschätzungen, wie der Urnengang endet, wollte Faymann nicht abgeben: "Ich warte demütig und mit Geduld."

Das einzig kleine Problem bei Faymanns Wahl war das Lokal. Wie der SPÖ-Chef selbst scherzte, handelte es sich bei der Außenstelle der MA28 in der Auer-Welsbach-Straße um das wohl kleinste Wahllokal Wiens. Schließlich wurde es aber von den Ordnern doch geschafft, Fotografen und Kamerateams in dem Miniraum zu schlichten. Jener Sprengel, in dem Faymann seine Stimme abgab, ist übrigens kein Heimspiel, auch wenn er gleich neben dem Reihenhaus des SPÖ-Chefs liegt. Hier werde traditionell schwarz gewählt, konzedierte eine rote Bezirksrätin. Nach der Stimmabgabe traf der SPÖ-Vorsitzende noch mit Wahlhelfern aus seinem Wahlkreis zusammen. Anschließend beginnt der Privatteil seines Wahlsonntags, ehe Faymann ab dem früheren Nachmittag in der Parteizentrale der Ergebnisse harrt.

Vizekanzler und ÖVP-Obmann Wilhelm Molterer hat gegen 10.00 Uhr seine Stimme in seiner Heimatgemeinde Sierning im Bezirk Steyr-Land abgegeben. Für ihn gestaltete sich der Urnengang als "Heimspiel". Im Anzug, aber lässig ohne Krawatte und mit offenem Hemd, erschien Molterer im Wahllokal in einer Schule. Ihn erwartete nicht nur ein Großaufgebot von Fotografen, Kameraleuten und Journalisten. Auch etliche Sierninger wollten ihm begegnen. Vor der Schule begrüßte er Nachbarn und ließ Grüße an weitere ausrichten. In Sierning scheint Molterer jeden persönlich zu kennen. In der Schule wurde er persönlich von Bürgermeister Manfred Kalchmair (SPÖ, "ich habe den Herrn Vizekanzler nicht gewählt") empfangen und zum Wahllokal geleitet.

Für die Zulassung zum Urnengang musste sich Molterer nicht ausweisen. Es genügte seine Frage an den Wahlleiter "Kennst mi?". Nach dem Kreuz in der Wahlzelle war der ÖVP-Chef Fotografen-freundlich. Er rückte die Wahlurne zurecht, damit das Schießen des Fotos vom Einwurf leichter wurde. Das obligate Statement danach: "Mir geht es sehr gut." Er habe am Samstag zusammen mit seiner Familie Abend gegessen und sich dann schlafen gelegt. Er rechne mit einer guten Wahlbeteiligung. Er spüre ein großes politisches Interesse, erlebe spannende Diskussionen, kritische Debatten. Für den Ausgang der Wahl erwarte er ein "knappes Rennen", er sei aber "optimistisch". Der weitere Tagesverlauf von Molterer: Das am Sonntag übliche Treffen mit seinen Freunden vom Stammtisch in Sierning. Dort sollte sich auch noch ein "Vormittagsseiterl" ausgehen. Anschließend Fahrt nach Wien, wo er sich anschauen will, was ab 17.00 Uhr herauskommt, für ihn selbstverständlich: "Die ÖVP wird Erster."

Unter dem gewohnten Medienrummel hat Grünen-Chef Alexander Van der Bellen in einer Schule im 18. Wiener Gemeindebezirk gewählt. Auf den von anderen Parteichefs bei dieser Gelegenheit bewusst zur Schau gestellten Optimismus verzichtete Van der Bellen bei seinem mittlerweile vierten Antreten als Spitzenkandidat: Er rechnet zwar mit Stimmengewinnen für die Grünen, geht er nicht mehr davon aus, dass sie Platz 3 verteidigen können. Besorgt zeigte sich Van der Bellen über die absehbaren Zugewinne für FPÖ und BZÖ. "Ich finde, wir haben einen guten Wahlkampf gemacht", er selbst sei "gut in Form" gewesen, sagte Van der Bellen, jedoch: "Zufrieden bin ich sowieso nie, aber Zugewinne für die Grünen würden zumindest für ein Gegengewicht für Herrn Strache sorgen."

Dass die Grünen ihren vor zwei Jahren errungenen Platz 3 in der Wählergunst gegen die wiedererstarkte FPÖ verteidigen können, erwartet der Parteichef freilich nicht mehr: "Das ist unwahrscheinlich, das sage ich offen." Auch am Erreichen des Grünen Wahlziels von 15 Prozent zweifelt der Parteichef: "Wahrscheinlich nicht, aber das war immer ein Chiffre für Zulegen." Besorgt zeigte sich Van der Bellen über das zu erwartende starke Abschneiden von FPÖ und BZÖ. Daher hofft er auf Zugewinne für seine Partei, um ein "Gegengewicht zu Herrn Strache" bilden zu können. Nach seinem Urnengang steht ein Spaziergang im Wiener Wald auf dem Programm, danach legt sich der Grünen-Politiker "aufs Ohr". Die Wahlparty der Partei findet "egal wie die Wahl ausgeht" in der Wiener Remise statt.

Gemütlich ging es am Wahlsonntag FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache an. Nach einem "gemütlichen Vormittag" schritt er zu Mittag gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Andrea zur Wahlurne in der Hainburger Straße im 3. Bezirk. Danach wollte das Paar italienisch essen gehen - wieder "gemütlich", wie Strache sagte. Nach dem Wahlergebnis gefragt meinte Strache, er sei kein Prophet, 20 Prozent wären aber ein historischer Erfolg. Auch über das Mittagessen konnte Strache keine Prophezeiung abgeben. Er werde das anhand der Speisekarte entscheiden, sagte er.

Das große Mediengedränge im Wahllokal entlockte Strache ein "Na bumm". Er ließ sich beim Kreuzerlmachen aber nicht drängen: "Ich schaue mir alles in Ruhe an." Seine Freundin wählte ebenfalls in der Hainburger Straße, und zwar mit Wahlkarte, was eine kleine Wartezeit erforderte. Strache nutzte diese, um Wähler zu begrüßen, auch ein Autogramm war drinnen. Nach sechs Wochen harten Wahlkampfs, in denen man auch an die körperlichen Grenzen gehe, zeigte sich Strache nicht unfroh, jetzt ins Ziel einzulaufen.

Sichtlich gut gelaunt und optimistisch hat sich BZÖ-Spitzenkandidat Jörg Haider knapp nach 11.00 Uhr bei seiner Stimmabgabe in Klagenfurt gegeben. "Ich gehe mit der Erwartung, dass wir ein gutes Ergebnis erreichen, in die Wahlzelle", sagte er vor seinem Wahllokal im Telekom-Center in der Maximilianstraße. Seiner Einschätzung nach würde keine Partei die 30 Prozent-Marke überschreiten, für das BZÖ hoffe er auf acht Prozent. "Es gibt viele, die nach der Enttäuschung Rot-Schwarz, das BZÖ als Alternative gesehen haben", sagte der Spitzenkandidat.

Nach der Stimmabgabe zog sich die Familie Haider zum Mittagessen in ein Gasthaus am nahen Plöschenberg zurück. "Von dort kann man herrlich übers Rosental schauen", meinte Haider. Dorthin führte auch der nächste Weg der Familie, denn in der Gemeinde Feistritz - zu der das Bärental gehört - ist Ehefrau Claudia gemeldet und damit wahlberechtigt. Am Nachmittag will Haider dann die Parteizentrale in Klagenfurt besuchen und später in der Landesregierung vorbeischauen. Für 17.34 Uhr ist ein ORF-Interview im Spiegelsaal geplant. Danach soll es per Flugzeug in die Bundeshauptstadt Wien gehen.

Mit "merkwürdiger Gelassenheit" hat LIF-Spitzenkandidatin HeideSchmidt Sonntagmittag ihre Stimme im Wahllokal in der Volksschule In der Krim im 19. Wiener Gemeindebezirk abgegeben. Schmidt erschien wie angekündigt pünktlich zu Mittag und wurde von einer Hand voll Journalisten bei ihrem Urnengang begleitet. Sie sei "ganz merkwürdig gelassen" sagte sie, nachdem sie ihr Kreuz gemacht hatte, gegenüber Journalisten. Offenbar hätten ihr die neun Jahr Abstand von der Politik gut getan. Was den Wiedereinzug des Liberalen Forums ins Parlamentschlaflose Nacht hinter sich.

Keine Antwort gab es auf die Frage, was sie machen werde, sollte das LIF die Vier-Prozent-Hürde nicht schaffen. So eine Frage könne, ja dürfe, man am Wahlsonntag nicht beantworten. Den Nachmittag wird die LIF-Chefin mit einem Buch auf der Terrasse verbringen. Wann sie dann auf dem Badeschiff, wo die Liberalen ihre Wahlparty feiern, eintreffen werde, konnte sie noch nicht sagen. Das hänge auch von den ersten Hochrechnungen ab.

Kurz nach neun Uhr hat Fritz Dinkhauser seine Stimme für die Nationalratswahl abgegeben. In Begleitung seiner Frau Heidi hat er in einer Schule in der Stubenbastei in Wien gewählt. Trotz mäßigen Medienrummels zeigte sich der Tiroler optimistisch: "Ich hoffe auf ein gutes Ergebnis." Aber auch falls er es nicht in den Nationalrat schaffen sollte, habe er schon etwas bewirkt, so Dinkhauser. Österreich müsse "sozialer, humaner und menschlicher" werden. In der Politik seien Ausgewogenheit und Nachhaltigkeit wichtig und nicht die Willkürlichkeit von Wahlzuckerln vor der Wahl. Er selbst sieht das Zusammenrücken aller politischer Parteien als wesentlich und fordert, dass nicht nur "Gesichter, sondern auch Gesinnungen" ausgetauscht werden. Ziel müsse ein "Kabinett der besten Köpfe" sein, wie es auch in Tirol der Fall wäre, so Dinkhauser.

Dinkhauser verwies auch auf die ungleichen Startbedingungen seiner Kandidatur und bezog sich dabei etwa auf die TV-Konfrontationen, bei denen er nicht vertreten war: "Ich hätte mir Herrn Faymann und Herrn Molterer gerne zur Brust genommen." Nach der Stimmabgabe wird er mit seiner Frau spazieren gehen, bevor sich die Anhänger des Bürgerforums am Nachmittag mit ihrem Spitzenkandidaten im Cafe „Zum Reznicek“ im neunten Bezirk einfinden werden, um das Endergebnis der Wahlen abzuwarten.

Mit einem "guten Gefühl" gehe er zur Wahl, erklärte Noch-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer bei seiner Stimmabgabe. "Die SPÖ wird stärkste Kraft", prophezeite er. Gusenbauer trat den Urnengang gemeinsam mit Lebensgefährtin Eva Steiner und Tochter Selina unweit seiner Wohnung in Wien-Neubau, im "Pädagogischen Institut" in der Burggasse an. Zu Fuß spazierten die drei zum Wahllokal, wo die Fotografen wohl das letzte Mal seine Stimmabgabe dokumentierten. Die erste Hochrechnung wird er laut seinem Sprecher vom Bundeskanzleramt aus beobachten. Am späteren Abend werde Gusenbauer dann „natürlich“ auch in der SPÖ-Parteizentrale vorbeischauen.

Zeit gelassen hat sich Bundespräsident Heinz Fischer mit seiner Stimmabgabe für die Nationalratswahl. Erst um 12.30 Uhr spazierte er mit seiner Frau Margit in sein Wahllokal in Wien Josefstadt. Der Präsident vergaß auch diesmal nicht, an die Wichtigkeit des Urnengangs zu erinnern: "In der Demokratie sind Wahlen einfach die wichtigste Weichenstellung", sagte er nach der Stimmabgabe zu den wartenden Journalisten. Exakt 30 Sekunden brauchte Fischer, um sein Kreuzerl in der Wahlkabine zu machen.

Beim Hinausgehen gab es noch Shake-Hands mit einigen anderen Wählern aus seinem Bezirk. Nach der Wahl ging es für das Ehepaar Fischer zum Mittagessen. Gegen 16 Uhr will der Präsident schließlich in sein Büro in die Hofburg gehen, dort Mitarbeiter treffen und sich die Hochrechnung anschauen. Fischer war vor dem Urnengang aus seiner Sommerresidenz in Mürzsteg angereist, was auch den späten Zeitpunkt erklärt.

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