Di, 22. Mai 2018

"Die vom Mars"

17.09.2008 14:35

Neue Ameisenart am Amazonas entdeckt

Deutsche Wissenschaftler haben im Amazonasgebiet eine bislang unbekannte Ameisenart entdeckt. Sie stufen das komplett blinde Tier als völlig neue Gattung ein - die erste seit 85 Jahren. Die Insektenkundler nannten das Exemplar "Martialis heureka", das so viel heißt wie: "Die vom Mars - wir haben sie gefunden." "Mars" deshalb, weil die Ameise außerirdisch aussieht...

Das fahle Insekt mit langen Greifzangen vom Laubboden des brasilianischen Regenwaldes erschien dem Entdecker so fremd, als stamme es von einem anderen Planeten. Christian Rabeling vom Naturkundemuseum Karlsruhe und zurzeit an der Universität Texas tätig, entdeckte das bisher einzige, nur drei Millimeter lange Exemplar einer neuen, räuberischen Ameisenart neben einer Straße im Bundesstaat Amazonas. Was er da noch nicht wusste: Er hatte die primitivste lebende Ameise in seinen Händen.

Fünf Jahre zuvor hatte sein Kollege Manfred Verhaagh, ebenfalls Insektenkundler in Karlsruhe, schon einmal zwei Exemplare in einer Bodenprobe gefunden. Aber er hatte Pech, denn die Probe wurde zerstört. Nun, zum glücklichen Ende der doppelten Entdeckungsgeschichte, beschreiben beide die neue Art Martialis heureka in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften.

Der aus dem griechischen entlehnte Artname illustriert die Fremdartigkeit - martialis heißt etwa "vom Mars kommend" oder "zum Mars gehörend". Heureka steht für "Ich hab's gefunden!", und das gilt im doppelten Wortsinn: Verhaagh hatte vor seinem Kollegen zwei Exemplare der Tiere im Amazonas-Tiefland entdeckt. Sie trockneten allerdings aus und klebten in ihrem Glasröhrchen fest.

Im Erdboden kaum zu finden
Beim Rettungsversuch im Labor eines Kollegen sollten die Tiere durch ein Ultraschallbad wieder freikommen. Dabei zerlegten sie sich aber in feine Ameisenbrösel. "Dass überhaupt ein weiteres Exemplar gefunden wurde, war wie ein Lotto-Treffer", sagt Verhaagh. Die drei Millimeter kleinen Insekten sind im Erdboden kaum zu finden.

Das Tier, der sogenannte Holotyp, wird heute im Museum für Zoologie der Universität Sao Paulo verwahrt. Die genetische Analyse des augenlosen Weibchens - es gehört zur Kaste der sterilen Arbeiterinnen - erforderte Feingefühl: Das rechte Vorderbein wurde entfernt, um die DNA daraus zu extrahieren. Die daran befindlichen Muskelmassen versprachen noch am ehesten Erfolg, so Verhaagh.

Erste Unterfamilie seit 85 Jahren
Aus der DNA ließ sich die Abfolge von drei Genabschnitten lesen, um sie mit jenen von anderen Ameisen zu vergleichen. Zusammen mit dem Körperbau ergaben sich daraus so viele Unterschiede, dass das neue Insekt nun - alleine - in die neue, 21. Unterfamilie der Ameisen einsortiert wurde. Ihr Name: Martialinae, "die vom Mars kommen". Es ist seit 85 Jahren die erste neue Unterfamilie, die für lebende Ameisen geschaffen werden musste.

Über Lebensweise und Verhalten der blinden Ameisen im lehmigen Untergrund ist wenig bekannt, aber sie krabbeln vermutlich unter dem Laub und in verrottendem Holz. Die langen, filigranen und pinzettenartigen Mundwerkzeuge könnten zum Herausziehen weicher Beute-Organismen wie Insektenlarven oder Würmern aus deren Behausungen dienen, spekulieren die Forscher.

"Marsianerin" die Urmutter der Ameisen
Rabeling und Verhaagh gehen davon aus, mit der "Marsianerin" einen besonders urtümlichen Nachfahren der ersten Ameisen aus dem Laub gezogen zu haben. Diese Gruppe gibt es vermutlich bereits seit mehr als 120 Millionen Jahren, entwickelt haben sie sich aus wespenartigen Vorfahren. Einige Ameisen spezialisierten sich aufs Leben im dunklen Untergrund, sparten sich fortan Pigmente und Augen - und überlebten bis heute.

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