Mo, 26. Februar 2018

Kandidaten-Web

13.09.2008 16:53

Wahlkampf 2.0

Aktuelle Plakatsujets, ein paar unscharfe Bilder aus dem Wahlkampfzelt und eine bereinigte Schönwetterbiografie auf der Homepage - das war gestern. Die Parteien haben auf Web 2.0 umgestellt und bedienen sich an allem, was das Internet zu bieten hat. Bei ÖVP-Chef Wilhelm Molterer wird im Halbstundentakt der Tag "getwittert", FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache rappt als Anti-Guevara "StraCHE", die SPÖ füttert für Werner Faymann einen YouTube-Account und Grünen-Chef Alexander Van der Bellen zeigt Videos prominenter Unterstützer. Bis auf BZÖ-Chef Jörg Haider haben alle Spitzenkandidaten der fünf im Parlament vertretenen Parteien ihre eigene Domain abseits der Parteiwebsite. krone.at hat die Websites begutachtet.

„Den Strache hab ichs gezeigt heute“
Die erste Plakatwelle der ÖVP kam bei den VP-Landesorganisationen weniger gut an, der „Es reicht!“-Sager war vielen ÖVPlern zu gegenstandslos, Wilhelm Molterers Konterfei ist bis dato auf den Großplakaten nicht zu finden. Im Internet präsentiert sich der Spitzenkandidat hingegen volksnah und gewährt auf seinem „Twitter-Blog“ (Twitter, dt. „Gezwitscher“; ein Webservice, auf dem User mit kurzen Postings oder Bildern ihr Leben mittickern) Einblicke in seinen Alltag und auch sein Gefühlsleben: Nach dem TV-Duell mit dem FPÖ-Chef postete Molterer etwa siegestrunken „Den Strache hab ichs gezeigt heute“. Freitag war Wahlkampfauftakt in Graz. Molterer schilderte die Autofahrt, schickte Bilder von der Ankunft – oder ließ sie von seinen Mitarbeitern schicken – und freute sich („Siegfried nagl hatte ein passendes gastgeschenk fuer mich“) über kleine Aufmerksamkeiten.

Ansonsten ist die persönliche Website des ÖVP-Chefs eher unaufgeregt und mit üblichem Image-förderndem Content befüllt. Gleich auf der Startseite („Home“) findet sich ein Video mit Lobpreisungen durch ÖVP-Funktionäre, beim Punkt „Unterwegs“ beweisen tägliche Updates mit Bildergalerien von jedem noch so kleinen Event, dass Molterer keinen freien Tag braucht. Unter „Fotos“ zeigt sich der amtierende Finanzminister, stimmungsvoll von Profifotografen in Szene gesetzt, mit allen Vertretern der Wählerschicht, wird kitschig von Jungwählern angeschmachtet, sitzt mit zwei Omis tratschend auf der Bank oder hört sich die Sorgen junger Familien an. Bis auf ein Video von der Pressekonferenz, in der Molterer die Koalition mit „Es reicht!“ platzen ließ, eckt kein einziger Inhalt auf der Website irgendwo an.

„Faymann heute“ auf YouTube
Die ersten „Genug gestritten“-SPÖ-Plakate servierten der Wiener ÖVP den Slogan zum Gegenschlag („…und Faymann lächelt“) auf dem Silbertablett. Im krassen Gegensatz zu den Plakaten ist die persönliche Website Faymanns („das-ist-faymann.at“) mit Themen überladen. Das SPÖ-Wahlkampfteam würdigt jeden Termin Faymanns mit einem ausführlichen Artikel, unter „Meine Positionen“ können sich User an Wahlversprechen sattlesen. Das Herzstück von Faymanns Online-Wahlkampf ist aber sein YouTube-Account. Ohne Videokamera geht der SPÖ-Chef seit geraumer Zeit offenbar nirgendwo mehr hin. Faymann beim Bäumchenpflanzen, Faymann und Schule, Faymann und Integration, Buchinger lobt Faymann, Jungpolitikerin Laura Rudas mit Faymann – und, und, und. Diese und letzte Woche gab es je fünf Videos, alle häppchengerecht auf maximal 1.30 Minuten zusammengeschnitten. Und Faymann eckt darin genausowenig an wie Molterer auf seinen Stimmungsfotos.

In Sachen Standbildern ist das Angebot hingegen auf das notwendigste reduziert. Fotos aus dem Plakatshooting mit weißem Hintergrund und exakt 17 Bilder auf Faymanns Flickr-Account gibt es durchzuklicken. Die Flickr-Bilder sind zwar mit einer Creative-Commons-Lizenz versehen und können verteilt und getauscht werden – vorsichtshalber hat Faymanns Team aber eine Lizenz gewählt, die Bearbeitungen und Verfremdungen unterbindet. Die Website bzw. ein Text über Faymann ist auch auf Englisch, Türkisch und Bosnisch/Serbisch/Kroatisch abrufbar.

Skurriles Comic-Flair bei „StraCHE“
Wer mit den knalligen FPÖ-Plakaten und den prägnanten Reimen vor Augen auf die Website des FPÖ-Chefs klickt, erlebt sein „blaues Wunder“. Eine Navigationsleite am oberen Rand, darunter laufen in einer großen Flash-Konsole im 10-Sekunden-Takt stimmige Porträtfotos von einem charmant lächelnden Strache oder „Business-HC“ mit iPhone durch. Wer lang genug wartet, bekommt aber schon hier einen Einblick in die skurrilen Inhalte der Website: Foto vier zeigt den „HC StraCHE“, nämlich Strache als Anti-Guevara mit schwarzem Barrett samt blauem Stern. Was zunächst verwirrt, klärt sich beim Klick auf den Menüpunkt „VIVA HC“ auf. Auch im Wahlkampf 2008 hat die FPÖ nicht auf einen musikalischen Schlachtruf verzichtet. Der HC-Rap wurde reaktiviert, Strache rattert im Sprechgesang seine Wahlslogans herunter. Im Refrain heißt es dann „Adios Che, Viva HC“ („H-CHE“ wäre wohl nicht so gut gekommen…). Der Song kann gratis heruntergeladen werden.

Zwei Menüpunkte weiter grüßt der „HC Man“ – ebenfalls eine Altlast aus früheren Kampagnen. In den Comics bekommen SPÖ und ÖVP ihr Fett ab, der HC Man rügt die Großkoalitionäre per Superman-Auftritt mit FPÖ-Botschaften. Unter „Blitzlicht“ machen die blauen Paparazzi Wilhelm Molterers rasenden Reportern Konkurrenz. An manchen Tagen gibt es sogar drei Diashows und mehr. Strache verzichtet in seiner „Bio“ auf lange Texte, sondern erledigt das mit einem kurzen Steckbrief. Beim Punkt „Trinken“ steht: „passend zum Anlaß (z.B.: 3 Bier).“ Die Aufzählung der Themen werden mit Slogans und kurzen Texten abgehandelt. Web-2.0-Feeling ist bei hcstrache.at nicht wirklich angesagt, dafür kann man im Shop „StraCHE“-T-Shirts für 15 Euro und ein Baseballkapperl für 10 Euro ordern.

„Promi-Videos“ bei Van der Bellen
Für das sonst eher ruhige Auftreten der „Grünen Eminenz“ ist die „VdB 08“-Website des Grünen Spitzenkandidaten fast „flashig“ gestaltet. Ein grüner Hintergrund, der etwas an die Desktopbilder von Mac OS X erinnert, hält die penibel aufgeräumte Website. In den Vordergrund gerückt, sind Unterstützungserklärungen prominenter Schauspieler, Musiker, Sportler und Unternehmer. Zu ihnen zählen etwa Bergsteiger Reinhold Messner, Filmemacherin Barbara Albert, Schriftsteller Franzobel, die Musiker Louie Austen, Andi Baum, Boris Bukowski, Falco-Produzent Thomas Rabitsch oder die renommierte Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi. Klickt man auf „Mediathek“, so finden sich Video-Statements sämtlicher Mitglieder dieses „Personenkomitees für Alexander Van der Bellen“. In den professionell produzierten Clips, die in Sachen Bildqualität Faymanns YouTube-Videos und die Molterer-Reden in einen finsteren Schatten stellen, erzählen die VdB-Unterstützer, warum sie den Grünen Bundessprecher wählen.

Eine kurze Biografie erläutert Van der Bellens Lebenslauf. Unter „VDB-Artikel“ vermutet man zunächst einen Blog oder zumindest von ihm verfasste Artikel. Die kurzen Texte zu aktuellen Themen beinhalten aber zum Großteil Zitate à la „…, bekundete Van der Bellen“ und sind offensichtlich aus Presseaussendungen der Grünen zusammengestückelt. Während etwa unter Molterers Twitter-Postings bei jedem zweiten „Wer twittert hier eigentlich für Willi?“ gefragt wird, versucht die Van-der-Bellen-Website hier gar nicht den Anschein zu erwecken, der Spitzenkandidat würde die Zeit finden, die Website selbst zu betreuen. Themen, Wahlprogramm und dergleichen hat VdB von der Parteiwebsite als Frames und Menüpunkte in die persönliche Website integriert. Auf der VdB-Website erfährt man auch, woher Faymann seine Idee für Informationen in zusätzlichen Sprachen hat: Auch bei den Grünen gibt es Texte auf Englisch, Türkisch und Bosnisch/Serbisch/Kroatisch.

Web 1.0: Broschüren und Plakate bei Haider
Wer beim BZÖ auf interaktive Inhalte, Wahlkampfsongs à la Westenthalers „Wir halten z'samm“ oder eine Flut an Bildern hofft, ist dort fehl am Platz. Die Orange Website wirkt etwas blass, ist dafür aber mit einer Flut an Texten und Broschüren zum Download übersäht. Auf der Startseite ist Haiders Konterfei gezählte sechs Mal zu sehen. Prominent platziert („Mailen Sie mir!“) ist ein Kontaktformular. Multimedial gibt es eine gut hinter einem Drop-Down-Menü versteckte Bildergalerie, die elendig langsam lädt. Es gibt nur ein einziges Video – und das ist im nicht für alle externen Player auszuführenden MPEG-4-Codec gehalten und weil „Zwei Jahre BZÖ“ außerdem von 2007. Bei den Links kommt man auf eine „freie“ Wissensdatenbank „roteskandale.at“ und eine etwas überaltet wirkende Autofahrerinitiative „melkkuh.at“.

Schmidt bloggt, filmt, KPÖ schießt scharf
Die Website des Liberalen Forums ist die einzige der nicht im Nationalrat vertretenen Parteien und Bürgerinitiativen, die interaktive Inhalte sowie Videos und Bilder liefert und zudem arbeitsintensiv und auch teuer wirkt. Heide Schmir Startseite findet sich eine wahre Flut an Themen und Artikeln. Bei der KPÖ hält sich das Augenmerk auf eine durchdesignte Aufmachung in Grenzen. Umso schärfer wird bei den Inhalten geschossen. Personalisierte Blogs und dergleichen gibt es nicht, dafür aber jede Menge schriftliche Beiträge, in denen die anderen Parteien ihr Fett abkriegen.

HMTL-only bei Dinkhauser, „Die Christen“ und „RETTÖ“
Bei den jüngsten Parteien der diesjährigen Nationalratswahl hat das Internet Nachrangstellung. Die Websites von Dinkhauser, den Christen und Rettet Österreich sind weder auf Imagebildung noch auf Web 2.0 ausgelegt und sollen Informations- statt Unterhaltungswert haben. Den Parteien scheint es vorwiegend darum zu gehen, dass sich Besucher schnell ein Bild machen können. Fritz Dinkhauser versucht das mit Wortspielen mit Augenmerk auf FRITZ in den Farbtönen rot und schwarz, RETTÖ setzt voll und ganz auf das Thema „Stoppt den EU-Vertrag“ und legt das Dokument in epischer Breite aus, Die Christen setzen auf Stimmungsbilder mit schwangeren Frauen, glücklichen Familien, lachenden Babys und Bibelzitaten wie „Betet ohne Unterlass!“

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