Sa, 25. November 2017

Wettlesen

27.06.2008 13:50

Der Vormittag der Österreicher

Der zweite Teil des Wettlesens am Freitagvormittag gehörte den österreichischen Teilnehmern. Clemens J. Setz holte sich für "Die Waage" viel Lob, es sei eine "komische Horrorgeschichte". "Super 8" von Angelika Reitzer gab Jury und Zuhörern einige Rätsel auf, ein von den Juroren bei der Diskussion häufig verwendetes Wort war "komplex", ein anderes "unbestimmt".

Setz beschreibt in seinem Text die Ängste und Probleme eines Ehemanns und Familienvaters namens Daniel. Angelpunkt der Erzählung ist aber eine altmodische Münzwaage, die plötzlich im Hof des Wohnhauses auftaucht, niemand weiß, woher sie kommt. Sein Protagonist lässt sich von der Waage aus der Bahn werfen, Setz beschreibt die inneren Ängste und Qualen Daniels. Woher sie stammen, bleibt allerdings im Dunklen. Seine Ehe ist auch nicht die beste. Am Schluss wirft er einen Stein nach dem Fenster, aus dem seine Frau herausschaute.

Kritik an Setz
Juror Klaus Nüchtern meinte, es gebe bei jedem Lesewettbewerb einen Verrückten, in diesem Fall sei es noch die zartere Version eines Zwangsneurotikers. Setz habe eine hochkomische Horrorgeschichte, die man "Männer in Gärten" nennen könnte, geschaffen. Ursula März fand den Text "wahnsinnig unterhaltsam und sehr humorvoll". Ijoma Mangold sah eine schöne kleine Komödie, der Sprache selbst mangle es aber an literarischer Qualität. Alain Sulzer stieß sich an "schiefen" Bildern, die überflüssig seien. Andre Heiz wunderte sich darüber, dass junge fesche Männer kaputte Ehen beschreiben. Burkhard Spinnen monierte, dass es zu viel Freude über das Verstehen gebe. "Die Frage ist, wie viel Geheimnis braucht ein Text, um wirklich zu funktionieren?" Daniela Strigl, die Setz vorgeschlagen hatte, war genug Unerklärliches geblieben, sie sah eine "brillante Novelle".

"Drinnen und Draußen"
Angelika Reitzers Protagonistin wiederum hat einen Liebhaber, der ihr nicht gut tut. Sie weiß das, artikuliert es sogar, kann und will aber davon trotzdem nicht lassen. Sie changiert dabei zwischen dem "Drinnen und Draußen". Die Figur scheint aus dem System hinauszufallen, ob das passiert, bleibt offen.

Positives und Negatives
Spinnen wollte wissen, ob das "der Anfang von etwas Größerem" sei. Die Autorin erklärte, dies sei möglich, aber die Erzählung stehe für sich. März fand den Text interessant, komplex und "sehr zeitgenössisch". Strigl erklärte: "Ich fühle mich auf angenehme Weise in diese unangenehme Stimmung verstrickt." Nüchtern stellte fest, das Vage und Opake sei ihm doch zu vage, er ortete eine halb konkrete halb symbolische Mittellage des Pathos, mit der er nicht viel anfangen könne.

Sulzer konstatierte, die Anstrengung der Autorin, die Sätze zu Papier zu bringen, übertrage sich auf die Zuhörer: "Mir wäre etwas mehr Konkretes lieber gewesen." Mangold räumte ein, sehr wenig verstanden zu haben. Der Text sei enervierend, die Sprache viel zu konventionell. Heiz, Mentor der Autorin, erklärte, der Text wolle mehrere Sphären herstellen, und zwar gleichzeitig. Dies löse er auf sehr musikalische Weise ein. Er sei "verliebt in diesen Text", sagte Heiz. Mangold konterte, es gebe einen "großen Graben zwischen Ihrer Deutung und dem Text", über den komme er nicht drüber.

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