Mi, 13. Dezember 2017

Unglaubliches Gerät

23.06.2008 12:11

In Graz über Innsbruck fliegen

Am Anfang stand ein doppeltes Aha-Erlebnis. Aha, an der Grazer Fachhochschule Joanneum gibt es seit 2001 einen Studiengang, der Luftfahrt/Aviation heißt. Bisher nicht gewusst. Um die insgesamt 70 Absolventen gab's ein internationales "Griss". Auch nicht gewusst. Und aha, Studenten und Lehrer haben dort einen imposanten High-Tech-Flugsimulator gebaut...

Kennt man aus dem Fernsehen. Da sitzt man in einem echten Cockpit mit echten Instrumenten und tut das, was Linienpiloten auch tun - fliegen. Nur, dass man am Boden bleibt.

Hochziehen geht nicht mehr, die Felswand ist zu nah, kommt näher, wird immer größer. Man hat noch zwei, drei Sekunden, in denen man realisiert, dass es aus ist. Crash, tot! Ich weiß, dass ich nichts mehr tun kann, den Fehler habe ich vorher gemacht. Korrigieren unmöglich. So also sieht das (virtuelle) Sterben aus. Unglaublich, wie lang eine Sekunde sein kann. Sie reicht sogar noch aus, um an Nine-Eleven zu denken. Die Terror-Flüge in Manhattan. Keine Hochhäuser, nur die Felswand - das Ende!

Vor mir wird es schwarz. Aber ein gnädiges Computer-Programm zeigt keine rauchenden Trümmer, es stellt den Jet wieder auf den Innsbrucker Flughafen zurück. Startklar. Ich will jetzt alles, nur nicht wieder in die Luft. Obwohl das soeben Vergangene Trug und Schein war, zittern die Knie. Zu realistisch war das, was einem durch eigene Unfähigkeit da vorgegaukelt wurde. Ich lache gezwungen und schau dem Piloten am Nebensitz schuldbewusst in die Augen. Der zuckt die Schultern. "Probieren wir's halt noch einmal!" Ist ja nur ein Spiel. Aber irgendwie doch ein ziemlich ernstes.

Reporter haben's leicht. Die rufen an und sagen, dass sie das neue Supergerät einmal ausprobieren wollen. "Klar", hört man dann, "bitte kommen Sie!" Man will ja schließlich, dass auch die Öffentlichkeit erfährt, was da in Graz geschaffen wurde. Aber halt: Ab September kann jeder dort fliegen. Über Los Angeles, der Antarktis, der Wüste Gobi, Sibirien, Hawaii. Wo man halt (virtuell) hin will. Nähere Informationen gibt's am Ende dieser Story.

Mein Pilot heißt Bernd Messnarz, ist 34 Jahre alt, Doktor und Diplomingenieur der Technischen Physik. Seit drei Jahren lehrt der gebürtige Bärnbacher an der FH Joanneum in Graz-Eggenberg, vor einem Jahr hat er sich entschlossen, mit Kollegen und Studenten einen neuen Flugsimulator zu bauen. Persönlicher Einsatz, Kreativität, Improvisationsvermögen, viel Wissen und Können haben es möglich gemacht, dass sich die Kosten in Grenzen hielten. "So viel wie ein Mittelklasse-Auto" hat das Ding gekostet, das in einer Nebenhalle des "FH-Hangars" geparkt ist. Ein Pappenstiel im Vergleich zum Preis jener Geräte, die zum Beispiel bei der Ausbildung von AUA-Piloten im Einsatz sind. Und können tut die Grazer Kreation fast genau so viel. In der großen Halle daneben steht ein echter Draken. Ein Geschenk des Verteidigungsministeriums.

Wie das Gerät aussieht, kann man am besten den Fotos in der Infobox entnehmen. Das Äußere ist einem der legendären Tarnkappenjets nachempfunden, das Cockpit dem Airbus 320. Auf einer gewaltigen Zylinderleinwand (sieben Meter breit, 3,5 Meter hoch) sieht man die Welt. Zuerst vom Boden aus, dann aus der Luft.

Ein Turm aus zwölf Computern ist das Hirn. Jedem der beiden Piloten stehen zwei Pedale für die Bodenbewegung, das Bremsen und das Seitenruder zur Verfügung. Mit dem Sidestick führt man Roll- (rechts, links) und Nickbewegungen (auf, ab) durch. Für Schub (Start) und Umkehrschub (Landung) gibt's in der Mitte vier Hebel, dazu den Fahrwerkshebel (Aus- und Einfahren) sowie den Klappenhebel (Auftriebserhöhung). Und eine verwirrende Reihe von Instrumenten, wie den künstlichen Horizont und so weiter. Der Pilot erklärt es einem, aber merken tut man sich's sowieso nicht. Zumindest nicht alles.

Der Start ist gar nicht schwer. Ich bin ja nicht allein und der Pilot sagt mir, was ich tun soll. Die Schubhebel nach vorne, die Maschine mit den Pedalen gerade halten, auf 140 Knoten beschleunigen, dann mittels Stick hochziehen. Wir tun's vom Flughafen Innsbruck-Kranebitten aus, weil der halt grad im Computer eingespeichert ist. Rechts und links gewaltige Berge, darunter tiefe Täler, ich sehe den Inn. Ein winziges Tippen am Stick und der "Vogel" reagiert. Höher, tiefer, rechts, links. Fantastisch. Wir sind in der Luft, alles bewegt sich. Fliegen ist die Realität, nicht das Wissen, dass man ja eigentlich auf dem Boden ist.

Und dann der Crash. Ich will zwischen den Bergen umdrehen, zum Airport zurück und dort landen. Dafür sollte man wohl den Wendekreis eines Airbusses 320 kennen. "Probier's", sagt der Pilot, "wirst schon sehen, was passiert." Der Rest - siehe oben. Ein Crash zurück in die Realität. Jetzt bin ich erstmals froh, dass wir eigentlich ja doch immer am Boden waren...

Ab September sind zahlende Gäste willkommen. Für eine Stunde (20 Minuten Einweisung durch einen echten Piloten, 40 Minuten fliegen) zahlt man 140 Euro. Anmelden kann man sich jetzt schon: 0316/5453-6400.

von Werner Kopacka (Text) und Jürgen Radspieler (Fotos), "Steirerkrone"

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