Sa, 16. Dezember 2017

Herrlich schräg

22.06.2008 18:24

Edna Bricht Aus

Ohne Erinnerung in der Gummizelle einer Irrenanstalt zu erwachen, ist natürlich kein schönes Erlebnis. Besonders, wenn man geistig gesund ist, findet Edna. Kein Wunder, dass ihr sprechender Begleiter, Plüschhase Harvey, ganz ihrer Ansicht ist - gemeinsam planen die beiden den Ausbruch. Im abgedrehten Point-and-Click-Adventure "Edna Bricht Aus" - einem der klassischsten Umsetzungen des Genres seit Langem - treffen sie auf unzählige durchgeknallte Charaktere und ein dunkles Geheimnis...

Was tun, wenn eine hinterhältige Tür den Weg aus der langweiligen Gummizelle versperrt und Dialoge mit ihr - die übrigens mit fast allen Gegenständen sowie Personen möglich sind - auch keinen Fortschritt bringen? Edna und ihr ebenso plüschiger wie zynischer Begleiter Harvey müssen einen Weg aus dem Irrenhaus finden, um hinter das Geheimnis ihrer Einweisung zu kommen. Schließlich verdächtigt Edna den Leiter der Anstalt, Dr. Marcel, ihrem Vater aus Rache einen Mord angehängt zu haben.

Also muss ein anderer Weg raus aus der Zelle her - dazu benützt der Spieler per Mausklick die Befehle Ansehen, Nehmen, Reden und Benutzen. Im Inventar werden die gesammelten Items gehortet und verwaltet, was sich teils fummelig und mit zunehmendem Fortschritt etwas unübersichtlich gestaltet. Dafür haben die Entwickler viel Liebe ins Detail gesteckt: Der Spieler darf nach Lust und Laune Kombinationen ausprobiern und sich sinnfreien Aktionen wie aktionistischer Kunst oder blinder Zerstörungswut hingeben - witzig, schräg und überaus erfreulich, welche Einfälle hier umgesetzt wurden.

Ist die erste Zelle überwunden, wird der Rest der Irrenanstalt - 120 Locations gilt es zu entdecken - nach und nach erkundet. Die 2D-Umgebung ohne Effekte ist zu Beginn selbst für Nostalgiker gewöhnungsbedürftig, die liebevolle Umsetzung, bunte Optik und vor allem die herrlich schrägen Charaktere machen dieses Manko jedoch schnell vergessen. Besonders die weiteren Insassen der Irrenanstalt sind wahnsinnig... witzig! Von einem besserwisserischen Gehirn im Einmachglas über den Alumann, der sich von Monitorstrahlung ernährt, bis zu Hoti und Moti, den siamesischen Drillingen, denen Broti wegen des Studiums abhanden gekommen ist und die eigentlich nur ein Pulli verbindet. Oder der Wächter des Wäschelifts, der gar nicht so einfach zu überwinden ist - von einem Kleiderbügel ganz zu schweigen. Klingt verrückt? Ist es auch!

Die Aufgaben, die Edna und Harvey bei ihrer Flucht lösen müssen, sind anfangs simpel, gestalten sich jedoch besonders gegen Ende des Games zunehmend schwierig. Das liegt einerseits am bereits erwähnten Inventar, außerdem ist es einige Male nahezu unmöglich, den abgedrehten Lösungsweg nachzuvollziehen. Hier fällt dann auch negativ auf, dass Edna nicht bequem per Doppelklick oder Minimap Räume wechseln kann - die teils nervigen Laufwege hätte man so auf ein verträglicheres Maß verkürzen können.

Im Verlauf des Spiels unternimmt Edna mehrere Reisen in ihre Vergangenheit, wo Harvey eine besondere Rolle zuteil wird. Ist Klein-Edna nämlich nicht in der Lage, an einen Ort zu gelangen, erledigt der Hase die Vorarbeit. Er verfügt zwar über kein Inventar, der Spieler kann interessante Gegenstände jedoch auf einer Leiste platzieren - Edna wird später darüber informiert. Wer übrigens mit dem Suchen beziehungsweise Finden von Gegenständen überfordert ist, kann sich diese per Knopfdruck anzeigen lassen - ein besonders für Anfänger oder Verzweifelte dankenswertes Feature. Ebenso erfreulich ist, dass meist mehrere Aufgaben zur Wahl stehen - gibt's bei einer gerade kein Weiterkommen, wartet bestimmt schon an anderer Stelle ein durchgeknalltes Rätsel oder ein nicht minder schräger Anstaltskumpane für ein verqueres, aber aufschlussreiches Gespräch.

Mit ihren Ausflügen in die Vergangenheit bringt Edna nicht nur langsam Licht ins Dunkel ihrer Geschichte, sie erhält außerdem Fähigkeiten zurück, die sie verlernt hat - allesamt schräg, zaubern sie ein Grinsen ins Gesicht. Allerdings sind sie nicht immer schön anzusehen - trotz Comic-Optik ekelt sich so mancher beim Anblick von Ednas Zehennagel, der zum Lockern von Schrauben herhalten muss...

Zur technischen Umsetzung bleibt zu sagen, dass weder die 2D-Umgebung noch der sehr einfache Look nach kurzer Eingewöhnungsphase negativ wirken, lediglich die Auflösung hätte höher ausfallen dürfen. Etwas mehr Beschäftigung hätte auch die deutsche Sprachausgabe vertragen, Edna und Harvey sind zwar herrlich zynisch, leider geht die Wirkung einige Male durch die Umsetzung verloren, was bei manchen Nebencharakteren noch stärker zu spüren ist. Das Inventar und die Befehlsumsetzung beim Betrachten und Benützen von Items ist hingegen vorbildlich gelungen - und das ist bei einem Point-and-Click-Adventure schließlich von besonderer Bedeutung.

Fazit: "Edna Bricht Aus" ist ein herrlich schräges Abenteuer - nicht nur, aber auch für Nostalgiker. Nicht umsonst steht auf der Packung: "Von den Leuten, die Monkey Island gut finden!" Über die Optik lässt sich naturgemäß streiten, zeitgemäß ist sie nicht. Wer darüber hinwegsehen kann, auf den warten wunderbar durchgeknallte Charaktere, zahllose zynische Bemerkungen und die Möglichkeit, dem logischen Denken bei vielen Aufgaben eine Pause zu gönnen und stattdessen nach Lust und Laune verrückten Einfällen nachzugeben. Witzige, knackige Rätsel und die gelungene Umsetzung des Point-and-Click-Systems machen dieses Spiel zu einer schrägen Perle im Adventure-Sommer.

Plattform: PC
Publisher: Daedalic
Krone.at-Wertung: 8/10

von Bernadette Geißler

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