Sa, 18. November 2017

Gar nicht aggro

19.06.2008 17:24

Sido: „Ich & meine Maske“

"Verbraucherhinweis: Harte Texte" prangt auf dem CD-Cover des dritten Studioalbums von Rapper Sido, welches nach "Ich" und "Maske" sinnigerweise "Ich & meine Maske" getauft wurde. Im direkten Vergleich zu seinem einstigen Label-Kollegen Bushido gibt sich der Maskenmann jedoch eher kuschelweich als aggro.

Sido selbst sieht das natürlich anders: "Ich wollte das diesmal wieder mit mehr Ghetto haben. […] Ich werde nicht enden wie Roy Black, der Schlager gemacht hat und eigentlich im Herzen Rock'n'Roller war - ich mach schon das, was ich machen will", wird der Rapper in einer offiziellen Labelaussendung zitiert. Dass es nicht schaden kann, dem Rüpel-Image zumindest nach außen hin treu zu bleiben, belegen ja schließlich die Verkaufszahlen. Sidos Texte sprechen inzwischen jedoch mehrheitlich eine andere, zahmere Sprache.

Was natürlich nicht heißen soll, dass der Rapper komplett auf Unflätigkeiten verzichtet: In "Halt dein Maul" wettert er gegen Bundeskanzlerin Merkel und verleiht ihr sogar den unschönen Titel "Schl...pe", erläutert anschließend mit Rap-Kollege Azad, dass man sich ruhig mal aufs Maul hauen kann, weil "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich" nunmal, ehe mit "Strip für mich" (feat. Kitty Kat) der obligatorische Porno-Rap folgt. Gegen Ende des Albums markiert Sido zusammen mit B-Tight, Fler und Kitty Kat auf "Aggrokalypse", dem letzten von insgesamt 20 Tracks (inklusive Intro und Interludes) schließlich noch einmal lautstark den Dicken.

Wirklich abnehmen kann man Sido die Rolle des finsteren Bösewicht-Rappers jedoch nicht mehr. Zu oft bewies er zuletzt in TV und Co., dass er ja eigentlich ein ganz Netter ist. Dafür spricht auch der Großteil der auf "Ich & meine Maske" veröffentlichten Songs. In "Augen auf", der derzeit auf Rang 13 der Austria-Top-40-Charts rangierenden Singleauskopplung, fordert er Eltern dazu auf, sich mehr um die lieben Kinderchen zu kümmern, spricht auf dem gefühlvollen "Herz" davon, das man auf selbiges hören sollte, betet auf "Danke" zu Gott und kreidet mit Alpa Gun und Greckoe in "Schule" das Bildungssystem an. Sehr vorbildlich, das.

Wie sehr Sido bemüht ist, den Geschmack der breiten Masse zu treffen, zeigt sich anhand der Songs "Carmen" und "Nein!". Auf Ersterem gibt der Rapper zu Elektro-Beats sein Gesangsdebüt, bei Letzterem lässt er diesbezüglich zwar seiner Freudin, Ex-Nu-Pagadi-Röhre Doreen, den Vortritt, die dadurch erhoffte Verbesserung bleibt aber aus. "Las Ketchup" oder "Mister President" hätten es nicht schlechter gemacht.

Am Ende von "Ich & meine Maske" beschleicht einen irgendwie das Gefühl, dass Sido nicht so ganz zu wissen scheint, ob er nun lieber das Gangsta-Rap- oder doch eher das Pop-Rap-Klientel bedienen möchte. Welchen der beiden Sidos man bevorzugt, bleibt letzten Endes jedem selbst überlassen. Studioalbum Nummer drei kann auf jeden Fall mit den für Sido typischen, das fehlende Rap-Talent kompensierenden Entertainerqualitäten punkten. Einen Meilenstein in der Geschichte des deutschsprachigen Raps markiert jedoch auch dieses Album trotz netter Alltagsgeschichten und einer gewissen Portion Selbstironie nicht.

Fazit: 7 von 10 maskierten Punkten

Sebastian Räuchle

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