Mo, 11. Dezember 2017

BAWAG-Prozess

19.06.2008 17:03

Elsner empfiehlt Richterin Berufswechsel

Schwere Vorwürfe gegen die Richterin hat am Donnerstagvormittag im BAWAG-Prozess - wieder einmal - der Hauptangeklagte Helmut Elsner erhoben. "Das Ganze hat hier schon den Charakter eines Schauprozesses", sagte Elsner im Zuge der Befragung durch Richterin Claudia Bandion-Ortner. Als ihn die Richterin nach einem Ski-Urlaub im Jahr 1994 in Frankreich und nach Reisen in die Schweiz befragte, kritisierte Elsner: "Sie interessieren sich für meine Urlaubsfahrten, für alles Mögliche, aber nicht wo das Geld ist, das der Flöttl verjankert hat". Als Elsner sich dann auch noch wegen seiner Honorare rechtfertigen musste, empfahl er Richterin Bandion-Ortner einen Wechsel ins Bankwesen, "damit Sie das auch verdienen".

Hintergrund von Elsners neuem Wutausbruch: Das Gericht hatte vor einigen Tagen einen Antrag der Verteidigung Elsners auf Kontenöffnung von Wolfgang Flöttls Konten abgelehnt.

Zu den Reisen in die Schweiz habe sie nur in Zusammenhang mit dem Konto bei einer Schweizer Bank gefragt, erläuterte die Richterin nach Elsners "Einspruch". Auf dieses Konto, das von der Schweizer Vermögensverwaltung Burgauer mit dem Kennwort "Houston" eingerichtet war, hatte Wolfgang Flöttl im April 1993 30.000 Dollar eingezahlt. Laut Flöttl handelte es sich um die Honorierung für Elsners Verwaltungsratstätigkeit bei Morissa, einer Flöttl-Firma, die für die Karibik-1-Geschäfte der BAWAG zwischengeschaltet war. Elsner bestreitet, irgendein Honorar der Morissa erhalten zu haben. Das Schweizer Konto kann man aber nur eröffnen, wenn man einen Millionenbetrag einzahlt. Der Staatsanwalt vermutete daher, das Elsner noch abschöpfbares Vermögen besitzen könnte.

30 Aufsichtsratsfunktionen, üppige Honorare
Zuvor las die Richterin aus dem Akt die zahlreichen Funktionen vor, die Elsner neben seinem Hauptjob in der BAWAG ausgeübt hatte. Mehr als 30 Aufsichtsratsfunktionen und andere Posten hatte Elsner inne. Als die Richterin auch die Vergütungen anführte, welche die Sonderkommission BAWAG ermittelt hatte, kam es wieder zu einer scharfen Replik Elsners. Alleine für seine Investkredit-Bank-Aufsichtsratstätigkeit von Juli 1995 bis Juli 2003 habe Elsner 550.000 Schilling (39.970 Euro) erhalten. "Sie müssen schauen, dass Sie Generaldirektor werden, dass Sie das auch verdienen", forderte der Angeklagte die Richterin quasi zum Berufswechsel auf. Offenbar gehe es vor Gericht um den "Neidkomplex", meinte Elsner.

Elsner: Weniger verdient, als andere Bankchefs
Er habe immer sehr viel und sehr lange gearbeitet. "Sie waren auch oft im Theater", warf die Richterin ein. Andere Generaldirektoren österreichischer Banken würden viel mehr verdienen als er, so Elsner. "Meine Bezüge waren deutlich unter den Bezügen der Generaldirektoren anderer Großbanken, zum Beispiel der Erste Bank, aber ich habe mich nie beschwert". Dafür hatte er aber zahlreiche "Nebenjobs": Elsner agierte auch bei der VICTUS Privatstiftung, wo er von Oktober 1995 bis Mai 2003 Vorsitzender des Vorstands war. Das sei die Privatstiftung seines Vorgängers Walter Flöttl, der ihn um diese Tätigkeit ersucht habe, erläuterte er. Auch bei der Wiener Staatsoper saß Elsner im Aufsichtsrat. Daher konnte er Karten bevorzugt beziehen, auch bei ausverkauften Vorstellungen und bei Premieren, erläuterte er am Donnerstag: "Ich habe die Karten bezahlt."

Anklage teilweise verschärft
Staatsanwalt Georg Krakow hat am 111. Verhandlungstag eine modifizierte Fassung der Anklage mit einigen Verschärfungen präsentiert. Für acht der neun Angeklagten wurden die ihnen vorgeworfenen Schadensbeträge erhöht, lediglich beim mitangeklagten Ex-BAWAG-Vorstand Christian Büttner verringert sich der Schaden.

Büttner hatte stets betont, er habe nach dem ersten großen Verlust 1998 gegen die Fortführung der Geschäfte mit Wolfgang Flöttl votiert, sei aber im Vorstand überstimmt worden. Laut neuer Anklage wird ihm nun ein Schaden von 351 statt wie bisher 444 Millionen Euro vorgeworfen. Büttner zeigte sich erleichtert. Beim Spekulanten Wolfgang Flöttl wurde der bisher offen gebliebene Schadensbetrag durch die UniBonds auf 430,5 Millionen Euro konkretisiert.

Elsner beschimpft Staatsanwalt als Märchenerzähler
Die neun Angeklagten änderten ihre Verantwortung auch betreffend der neuen Anklage nicht. Für alle gilt die Unschuldsvermutung. "Klarerweise nicht schuldig", meinte Elsner auf die Frage nach Schuld oder Unschuld und ritt neue Attacken gegen Krakow: "Der Staatsanwalt betätigt sich hier als Profijäger, er will möglichst viele Treffer landen", sagte Elsner. "Für mich hat Krakow gepunktet als dritter Bruder der Gebrüder Grimm", sieht er den Staatsanwalt offenbar als Märchenerzähler.

Am Montag findet noch eine letzte "reguläre" Verhandlung statt. Dann soll der Übersetzer zu Gericht kommen, damit eventuelle Übersetzungsfehler im Akt korrigiert werden können. Das Rechtshilfeersuchen an die Schweiz betreffend eines angeblichen Kontos von Elsner wird derzeit noch übersetzt. Am Dienstag beginnen dann die Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidigern, die vermutlich bis Donnerstag dauern. Für 3. oder 4. Juli wird das Urteil erwartet.

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