Do, 23. November 2017

„Trifft keine Schuld“

19.06.2008 17:43

Freispruch für Wiener Straßenbahnfahrer

Jener Straßenbahnfahrer, der am 20. Dezember 2007 in Wien-Brigittenau einen Fahrgast fast zwei Kilometer mitgeschleift und dadurch zu Tode gebracht hatte, ist am Donnerstag am Bezirksgericht Leopoldstadt vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen worden. "Er hätte keine Möglichkeit gehabt, diesen schrecklichen Unfall zu vermeiden. Es war ein tragischer Unfall. Ihn trifft keine Schuld", stellte Richterin Manuela Turcsanyi fest. Die Entscheidung ist nicht rechtskräftig.

Der getötete Mann - ein 54-jähriger Unterstandsloser, der zum Unfallzeitpunkt 1,91 Promille Alkohol im Blut hatte - hatte in der Station Höchstädtplatz versucht, im letzten Moment in den Triebwagen einer Garnitur der Linie N einzusteigen. Obwohl er mit der linken Hand noch den Haltegriff erreicht haben soll, schlossen sich die  Türen. Die Bim fuhr ab, der eingeklemmte Mann rutschte aus, kam zu Sturz und wurde zwischen Trieb- und Beiwagen mitgeschleift.

Fahrer: "Nichts Außergewöhnliches bemerkt"
Der Fahrer bekam davon nichts mit. Er gab in seiner Einvernahme an, die Garnitur ordnungsgemäß abgefertigt und "nichts Außergewöhnliches" bemerkt zu haben. Sein Verteidiger wies darauf hin, dass es sich bei der Straßenbahn um ein altes Modell vom Typ E1 gehandelt habe, das keine Außenrückspiegel aufweist. Für den Fahrer sei es aufgrund dessen nicht möglich, Vorgänge im hinteren Waggonbereich zu beobachten.

Der seit 25 Jahren bei den Wiener Linien tätige Straßenbahner versicherte, in der Fahrerkabine hätten nach der ordnungsgemäßen Abfertigung sämtliche Kontrolllampen grün aufgeleuchtet, bevor er mit der Tramway vom Höchstädtplatz Richtung Prater Hauptallee fuhr. Die für ihn nicht einsichtige letzte Tür des Triebwagens, über die der verstorbene 54-Jährige zusteigen wollte, müsse zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen gewesen sein: "Sonst wäre ein Abfahren nicht möglich. Der Überstromschalter würde sich ausschalten."

Er habe während der zwei Kilometer, die der Mann mitgeschleift wurde, nichts vom Unglück wahrgenommen. Der Unfall ereignete sich gegen 19.30 Uhr. Erst vier Stationen später erfuhr der Straßenbahner über Funk vom tragischen Geschehen. Im selben Augenblick wurde er bereits von der Polizei erwartet, als er in die Haltestelle Am Tabor einfuhr.

Jugendlicher versuchte zu helfen - vergeblich!
Am Höchstädtplatz selbst hatten allerdings noch drei auf eine andere Straßenbahn wartende Jugendliche gesehen, wie der Unterstandslose eingeklemmt wurde. Eine 18-Jährige schaffte es sogar, mehrfach den äußeren Türöffner zu betätigen, um das Abfahren des "N" zu verhindern. Der Anhalteversuch kam jedoch zu spät.

Symbolbild

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