Mi, 13. Dezember 2017

"Trauriges Kapitel"

12.06.2008 17:50

Kanada bat Ureinwohner um Vergebung

Die kanadische Regierung hat sich bei den Ureinwohnern des Landes für das bis in die 70er-Jahre zugefügte Leid und Unrecht formell entschuldigt. In einer als historisch gewerteten Erklärung im kanadischen Parlament nannte Ministerpräsident Stephen Harper die vom 19. bis weit ins vergangene Jahrhundert praktizierte zwangsweise Trennung von Kindern und ihren Eltern ein trauriges Kapitel in der Geschichte Kanadas.

Mehr als 150.000 Kinder von Ureinwohnern wurden zwangsweise in staatliche christliche Internate eingewiesen. Dort waren viele von ihnen psychischer und physischer Misshandlung ausgesetzt. "Heute erkennen wir, dass diese Politik der Assimilierung falsch war, großes Leid verursacht hat und keinen Platz in unserem Land hat", sagte Harper in der 15-minütigen Rede, bei der nicht nur die rund 200 geladenen ehemaligen Internatsschüler, manche über 100 Jahre alt, mit den Tränen rangen.

"Die Regierung von Kanada erkennt an, dass es falsch war, Kinder mit Zwang ihren Eltern wegzunehmen, und wir entschuldigen uns." Dies erfordere eine Wiedergutmachung, sagte Harper. Die Regierung zahlt Betroffenen, die aus ihrer Familie gerissen wurden, als Teil einer außergerichtlichen Einigung eine Entschädigung mit einem Volumen von insgesamt fünf Milliarden kanadischen Dollar (3,2 Mill. Euro). Mehr als 80.000 Betroffene leben noch.

Auch in Australien hatte sich Premier Kevin Rudd Anfang des Jahres offiziell bei den Ureinwohnern des Kontinents für das jahrzehntelange Leid und Unrecht entschuldigt. Anders als in Kanada ist eine finanzielle Wiedergutmachung an jene Aborigines, die ihren Eltern weggenommen und in Heime gesteckt wurden, aber bisher nicht erfolgt.

"Den Indianer im Kind töten"
In Kanada existierte das System der Internate für die Ureinwohner über 100 Jahre lang als Teil einer staatlichen Kampagne, die die indigene Kultur ausradieren wollte - oder "den Indianer im Kind zu töten", wie es damals offiziell hieß. Dabei starben in einigen der Schulen die Hälfte der Kinder tatsächlich - an Tuberkulose oder einer anderen Krankheit, wie heute bekannt ist. Die, die überlebten, berichteten, dass sie geschlagen wurden, wenn sie in ihrer Muttersprache redeten, häufig Hunger litten und mit der Zeit den Kontakt zu ihren Eltern und deren Kultur verloren. Die Führer der Ureinwohner machen dieses Trauma für grassierenden Alkoholismus und Drogenmissbrauch in den Reservaten mitverantwortlich.

"Für die Geisteshaltung, die das System der Indianer-Internate hervorgebracht hat, ist heute kein Platz mehr in Kanada", betonte Harper am Mittwoch. Es dürfe und werde daher nie mehr zu einer solchen systematischen Unterdrückung und Misshandlung von Kindern kommen. Als Wortführer der Ureinwohner bedankte sich Phil Fontaine im Parlament schließlich für die symbolische Geste. "Endlich haben wir gehört, dass Kanada sich entschuldigt", sagte Fontaine mit brüchiger Stimme. "Es ist möglich, den Alptraum unserer Rasse gemeinsam zu beenden. Die Erinnerungen schneiden manchmal wie kalte Messer in unsere Seelen. Dieser Tag hilft uns, den Schmerz hinter uns zu lassen.“

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