Mo, 11. Dezember 2017

Terror-Prozess

06.06.2008 13:50

9/11-Drahtzieher verlangt Todesstrafe für sich

Im US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba hat am Donnerstag das Militärverfahren gegen die mutmaßlichen Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September 2001 begonnen. Mit einem Eklat, denn der Hauptverdächtige Khalid Sheikh Mohammed (Foto) entließ zu Beginn der Anhörung seine Verteidiger und forderte die Militärrichter auf, ihn zum Tode zu verurteilen. "Ich will ein Märtyrer werden, das ist seit langer Zeit mein Wunsch", sagte er. Am Ende der ersten Verhandlung mokierte er sich dann über die Gerichtszeichnerin, auf dem Porträt sei seine Nase zu groß.

Auch der mit Khalid Sheikh Mohammed angeklagte Walid bin Attash forderte, "durch die Hand" von US-Vertretern zu sterben. Zu den drei anderen Mitangeklagten zählt auch Ramzi Binalshibh, der der "Hamburger Zelle" um die Attentäter angehört haben soll. Der aus Pakistan stammende Kuwaiter Mohammed gilt als Drahtzieher der Flugzeuganschläge in New York und Washington. Bereits in vorangegangenen Verhören hat er sich nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums selbst der Taten bezichtigt.

Bei seinem Auftritt vor Militärrichter Thomas Kohlmann sagte er am Donnerstag: "Ich brauche keinen Anwalt, ich werde mich selbst vertreten." Er fügte hinzu: "Gott allein reicht mir." Seine Ausführungen unterbrach er für Rezitationen aus dem Koran.

Hauptverdächtiger sichtlich gealtert
Es war das erste Mal seit Jahren, dass Mohammed in der Öffentlichkeit zu sehen war. Anders als auf Fotos von seiner Festnahme (siehe Bild rechts) trägt er jetzt einen langen, grau melierten Bart, er ist sichtbar gealtert - und gebrochen. Mohammed und die vier Mitangeklagten nahmen auf der Anklagebank Platz, ohne dass sie durch Gewaltanwendung von Seiten des Sicherheitspersonals dazu gezwungen werden mussten. Durch die Jahre in Guantanamo haben sie offenbar gelernt, dass es sich nicht bezahlt macht, wenn man sich gegen die US-Soldaten wehrt.

Der aus dem Jemen stammende Angeklagte Attash folgte in seiner Stellungnahme vor dem Richter den Ausführungen von Mohammed. "Ihr habt meinen jüngeren Bruder im Krieg getötet, und es ist mein Wunsch, durch Eure Hände zu sterben", sagte er vor dem Gericht. Attash erklärte, dass er das Gericht nicht anerkenne und sich ohne Hilfe eines Anwalts selbst vertreten wolle. Auf den Einwand von Richter Kohlmann, ein Verteidiger sei hilfreich, entgegnete Attash: "Ich brauche keine Belehrungen von einem Richter."

Bei den drei weiteren Angeklagten handelt es sich um den Jemeniten Binalshibh, den Saudiaraber Mustafa Ahmad al-Hawsawi und den Pakistani Ali Abd al-Aziz Ali, einen Neffen von Mohammed.

Nase auf Porträtzeichnung musste verkleinert werden
Am Ende des ersten Prozesstages äußerte sich Khalid Sheikh Mohammed mit seinem Porträt durch die Gerichtszeichnerin unzufrieden. Die Nase sei auf dem Bild zu groß, klagte er. "Ich hörte, wie er sagte, ich solle sie mit den FBI-Fotos von ihm vergleichen", sagte Zeichnerin Janet Hamlin. Auf die Frage, ob er denn Recht habe, meinte Hamlin: "Ich stimme ihm völlig zu." Dann eilte sie noch einmal in den Gerichtssaal, um die Nase zu verkleinern.

Verdächtige seit 2002 in US-Gefangenschaft
Bei dem Verfahren dürfen nicht nur keine Fotos gemacht werden, auch sonst achtet das US-Militär auf höchste Sicherheit. Die Aussagen der Angeklagten werden mit 20-sekündiger Verzögerung in den Saal übertragen, in dem Journalisten das Verfahren verfolgen dürfen. Dadurch soll dem Richter die Möglichkeit gegeben werden, die Übertragung zu unterbrechen, sobald als Staatsgeheimnis gewertete Informationen zur Sprache kommen.

Alle Angeklagten gaben vor dem Richter an, Englisch zu sprechen und zu verstehen, aber dennoch einen Übersetzer zu wünschen. Mohammed beklagte, seine Aussagen aus früheren Verhören seien verdreht worden: "Sie haben meine Worte falsch übersetzt und haben mir viele Worte in den Mund gelegt."

Die Verdächtigen waren in den Jahren 2002 und 2003 von US-Ermittlern im Mittleren Osten aufgespürt und festgenommen worden. Zunächst wurden sie in Geheimgefängnissen des US-Geheimdiensts CIA festgehalten, 2006 wurden sie nach Guantanamo gebracht.

Kritik an umstrittenen Verhörmethoden
Für die militärrechtliche Aburteilung der Terrorverdächtigen wurden eigens so genannte Militärkommissionen, Sondertribunale der Armee, eingerichtet. Die Anklage lautet unter anderem auf Terrorismus, Verschwörung, Mord und Sachbeschädigung.

Die Rechtmäßigkeit der Militärkommissionen ist in den USA juristisch umstritten: Vor ihnen besitzen Angeklagte und Verteidigung weniger Rechte als vor ordentlichen US-Gerichten. Mehrere Angeklagte hatten zudem berichtet, sie seien in US-Gewahrsam gefoltert worden. Der US-Geheimdienst hatte zugegeben, bei Mohammed eine umstrittene Verhörtechnik namens "Waterboarding" (simuliertes Ertränken) angewendet zu haben. Menschenrechtler, etwa von amnesty international, stufen diese als illegale Folter ein.

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